No.49



AUFRUF VON GUY HELMINGER


Liebe Schriftstellerkollegen, liebe Freunde, liebe Mitglieder des LSV,

bereits vor 2 Jahren (Anm.: cf. Notizblock 41) habe ich in einem öffentlichen Brief meinem Unmut Luft gemacht und in aller Deutlichkeit darauf hingewiesen, daß es eine Form der Geringschätzung ist, Autoren für 100 Euro in Schulen lesen zu lassen. Ich könnte diesen Brief unverändert dieses Jahr wieder abdrucken lassen, denn geändert hat sich nichts. Nun bin ich nicht naiv genug zu glauben, daß ein einmaliger Protest diejenigen, die uns Autoren für Hobbykegler halten, umstimmen kann, aber ich hatte doch tatsächlich geglaubt, daß die Autoren selbst an einem Strang ziehen. Oder sagen wir, ich bin davon ausgegangen, daß Autoren sich nicht einfach so ausbeuten lassen und ein Interesse daran haben, daß die Literatur - und damit die Autoren selbst - irgendwann ernst genommen werden. Dem scheint nicht so zu sein - ansonsten würde niemand von euch am 14. 12. 2009 im LGL lesen. Ich frage mich, was steckt dahinter, wenn jemand Freude daran hat, sich unter Wert zu verkaufen? Masochismus? Völliges Verkennen der Situation? Oder ein Grund, der mir entgeht? Dann wäre ich über jede Aufklärung dankbar.

Der LSV hat einen Grundtarif in Absprache mit dem Ministerium verabschiedet und der beträgt 125 Euro für eine Stunde Lesung.

(Ich finde auch diesen Tarif schlichtweg inakzeptabel, weil er stillschweigend voraussetzt, daß man im reichsten Land Europas nur die Hälfte von dem zahlen muß, was beispielsweise in Deutschland der Fall ist. Hierfür gibt es nicht den geringsten Grund.)

Aber nicht einmal an diesen Tarif halten sich die Lesenden und das bedeutet, sie fallen ihren Kollegen in den Rücken. Kann sein, daß der ein oder andere den Notizblock nicht zur Kenntnis nimmt, sich nicht informiert, und deshalb möchte ich gerne noch einmal ein paar Worte zur Situation des Autors in Luxemburg verlieren. (In der Hoffnung, daß zumindest der Aufruf eines Kollegen gelesen wird).

Der Autor ist in Luxemburg schlichtweg nicht präsent.

Das bedeutet nicht, daß es keine Lesungen gäbe, daß man in Zeitschriften keine Rezensionen fände, etc., es bedeutet, daß die soziale Rolle des Autors nach wie vor keinen verankerten Platz in unserer Gesellschaft hat. Das ist in den Nachbarländern anders. Dort gehört die nationale Literatur zur Identität der Menschen dazu. Die Bevölkerung kennt ihre Schriftsteller, die Verlagshäuser; die Schüler lesen ihre Autoren. Ausdruck dieser Verankerung ist die Akzeptanz des Schreibens als Beruf und damit dessen angemessene Honorierung.

In Luxemburg wissen die meisten Menschen nichts von ihrer Literatur, und das Schreiben hat Hobbystatus. Daraus resultiert die Zahlungsmoral von Seiten des Erziehungsministeriums. Niemand wird das ändern, wenn wir es nicht tun. Die miese Bezahlung ist symptomatisch für die Mißachtung der Literatur. Würde sie geschätzt, würde ein Erziehungsministerium sagen, diese 250 Euro pro Lesung (das wäre mein Vorschlag als Mindesttarif) sind es mir wert! Das passiert aber nicht, und es passiert vor allem dann nicht, wenn die Betroffenen sich selbst nichts wert sind. Ich denke, man muß begreifen, daß es nicht darum geht, ob einer der Autoren dieses Geld braucht, ob einer im Hauptberuf Lehrer ist oder ob einer von seiner Literatur lebt, sondern darum, daß wer für 100 Euro liest, der Meinung ist, die Literatur brauche keinen besseren Status in unserer Gesellschaft, als den, den sie momentan hat. Wer dieser Meinung tatsächlich ist, der braucht auch nicht in Schulen zu lesen. Denn da liest man, im Gegenteil, weil man an die Zukunft der luxemburger Literatur glaubt und sie aus dem Tümpel, in dem sie momentan wabert, heraus holen will.

 Trotz alledem: Wir haben im Moment eine unglaubliche Chance, unsere Situation zu verbessern.

1. Es soll und wird - bedingt durch das Insistieren von Autoren und des LSV und durch die Unterstützung des CNL - eine Schulanthologie kommen mit unseren Texten (auch wenn es hier die gleichen Honorarprobleme gibt wie bei den Lesungen und auch hier Kollegen vorschnell unterschrieben haben, aber da wird sich eine Lösung finden),

2. es wird von öffentlicher Seite versucht, lux. Literatur in kleinen Schritten nach außen hin zu propagieren - weil es im Kulturministerium Menschen gibt, die die peinliche Situation mittlerweile erkannt haben und dem Bankenstaat etwas Kultur an die Seite stellen wollen,

3. es gibt Orte in Lux. wie das CNL, die Kufa und andere, wo Autoren ordentlich bezahlt werden,

4. das Radio bezahlt seit einigen Jahren die Autoren, die dort lesen ebenfalls, und einiges mehr wäre zu erwähnen.

Da tut sich was! Da tut sich mehr als in den Jahren zuvor. Deshalb noch einmal meine Bitte, an einem Strang zu ziehen. Macht euch nicht kleiner als ihr seid. Und wer nun ruft: es ist doch für die Schüler, dem möchte ich antworten: Ist es weniger für die Schüler, wenn wir gerecht bezahlt werden?

Und wer Angst hat, daß er gar keine Lesungen mehr bekommt, wenn er mehr verlangt, dem kann ich bestätigen, daß die die nicht bezahlen, genau von dieser Angst profitieren. Ich glaube daran, daß man sich auch in Luxemburg schnell an die neuen Tarife gewöhnen wird, aber dafür bedarf es der Solidarität. Solange ihr für 100 Euro in Schulen lest, wird es immer wieder dazu kommen, daß zuständige Lehrer sagen: „Super, dann kann ich während dieser Zeit ja einkaufen gehen.“ Braucht ihr wirklich noch mehr Geringschätzung?

Wer etwas von luxemburger Literatur und seinen Autoren hält, der kommt gar nicht auf die Idee, sie für diesen lächerlichen Betrag antanzen zu lassen und er macht während dieser Zeit auch nicht seine Besorgungen. Im Gegenteil, er würde mit helfen, den Schülern die Lage der Literatur in ihrem Land zu erklären. Statt dessen bekommen die Schüler zu hören: „Die und die Autoren kommen nicht, weil sie mehr Geld wollen“. Eine Verknappung, bewußt gewählt, um das Streben nach Anerkennung luxemburger Literatur zu diskreditieren und die Schüler glauben zu machen, die Autoren wären geldgeil. So passiert 2007 und von Schülern verbrieft. Ich finde das widerlich.

Wenn ihr Schriftsteller seid, dann kämpft dafür, daß unsere Literatur überlebt und fallt ihr nicht in den Rücken, setzt euch dafür ein, daß sich die Situation, in der wir stecken, verbessert, daß auch der Nachwuchs irgendwann einmal das Gefühl hat, ja, Schriftsteller in Luxemburg, das ist doch was.

In diesem Sinne, verbleibe ich mit kollegialen Grüßen, euer

Guy Helminger

 

© LSV, GH & GW, 2009