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Jacques Wirion

Mach dir was draus!
(Über den Umgang mit Misserfolgen)

Verdrängen, vergessen, wegessen, wegtrinken, weglügen oder gar nicht erst wahrnehmen; das sind so die üblichen Strategien mit Misserfolgen umzugehen. Das eigene Image muss gewahrt bleiben, die angestrebte und immer nur imaginär erreichte Vollkommenheit darf nicht Lügen gestraft werden.

Am einfachsten ist es dann in jedem Fall, die Ursachen des Scheiterns auf andere abzuwälzen, sich auf deren Kosten zu ent-lasten. So kann man leichten Mutes behaupten: "Teilt es unter euch! Ich hab nichts damit zu tun und ich mach mir nichts draus!"

Doch gerade das sollte man mal versuchen. Nicht irgendetwas sollte man sich daraus machen, sondern etwas ganz Kostbares, etwas das uns in der schwierigen Ausübung des Lebenshandwerks geschickter werden lässt.

Nun gibt es Leute, denen dieser Rat nicht zu erteilen ist, gerade weil sie sich immer etwas aus ihren Misserfolgen machen, ja weil sie sich ihre Misserfolge selber schaffen, um sich etwas draus machen zu können, nämlich sich selbst zu entwerten. Diese Selbstentwerter sind zu bedauern, denn das bei ihnen durchaus angebrachte Trostwort "Mach dir nichts draus!" ist vergeblich, weil es den ewigen Unglücksraben überhaupt nicht berührt. Das Unglück, das sie anziehen oder das sie verfolgt, verleiht ihnen zugleich so etwas wie einen Sinn im Leben, eine Identität, die sie in Ermangelung einer anderen, vielleicht besseren nicht aufzugeben bereit sind.

Doch zurück zu dem glücklichen Durchschnittsverdränger, dem der Rat was bringen kann. Zunächst verlangt das von ihm: dem Scheitern und der sich daraus ergebenden Enttäuschung sich stellen, standhalten und nicht flüchten durch Wegschieben oder -stecken. Es geht in der Tat um etwas, das vielleicht treffend mit dem schon oft in anderen Kontexten benutzten Begriff der Trauerarbeit bezeichnet werden könnte. Der Schmerz von Trauer und Enttäuschung soll empfangen und empfunden werden, denn nur dann kann er zu einem Erkenntnisprozess leiten. Wunden sind Öffnungen und bieten Chancen der Entfaltung, wenn wir sie nicht als Schandmale behandeln, die es rasch zu schließen oder auch nur zuzupflastern gilt.

Der Misserfolg verdient es, als eigener anerkannt werden, als Ergebnis des eigenen Fehlverhaltens. Aus eigenen Fehlern lernen kann man nämlich nur, wenn man sie als solche überhaupt anerkennt und zulässt. Das schmeichelt dem schon oben erwähnten Ego-Image zwar nicht und tut ihm auch keinesfalls wohl, kann es aber aus seiner oftmals steifen Fixiertheit lösen.

Wichtige Voraussetzung hierfür ist allerdings eine lockere Haltung zum Ich oder genauer zu dessen Bild, das man sich und den anderen vorhält. Nur wenn man dieses Bild als ein solches akzeptiert und nicht mit der Realität gleichsetzt, verschwindet der verbissene Ernst, dem es immer um alles oder nichts geh.

Da in der unvollkommenen und entbehrungsreichen Struktur des Daseins viele Gelegenheiten stecken zur Einübung in den Umgang mit Misserfolgen, können wir sie nutzen nach dem Vorbild des Kynikers Diogenes. Er stellte sich vor eine steinerne Statue und bat sie um ein Geldstück. Diese Bitte wiederholte er immer wieder, bekam aber natürlich keine Antwort. Leute gingen vorbei, staunten und fragten den Philosophen, was das soll, da er doch von einer Statue nie etwas bekommen könne. "Eben", erwiderte er, "ich übe mich darin, abgewiesen zu werden."

JW, 19.11.00

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