ANTJE SCHRUPP

Trost der Vorsehung

Klaus Berger, Hermann Kurzke und Jacques Wirion ringen, jeder auf seine Weise, um das Christentum

Längst hat das Christentum seine weltanschauliche Monopolstellung verloren, sind die Vertreter der Kirchen in die Defensive geraten. Die Konkurrenz lauert an mindestens drei Ecken: Da wären zunächst die Geister der Aufklärung. Sie brauchen keinen Gott, sondern verlassen sich ganz auf die eigene Vernunft - wenn sie nicht gar von der Allmacht der Gene und Hirnsynapsen überzeugt sind und davon, dass sich außerhalb materialistischer Ursache-Wirkung-Abfolgen ohnehin nichts tut. Da wäre, zweitens, der blühende Strauß der Esoterik: pragmatische Sinnangebote von Astrologie bis Yoga, die sich gewissermaßen als Bausteinkasten zu einer jeweils individuell passenden Weltanschauung zusammensetzen lassen. Und da ist drittens der Islam, der als starke, Orientierung gebende Religion in Erscheinung tritt und mit fest definierten Regeln für eine fromme Lebensführung jenen Charme der Klarheit und Gewissheit versprüht, den viele bei den christlichen Kirchen, vor allem der protestantischen, vermissen.


Das Christentum hat nur eine Zukunft, wenn es ansteckend ist


Wie kann sich das Christentum in dieser Situation behaupten? Wie modern soll es werden, wie traditionell muss es bleiben? Der Heidelberger Neutestamentler Klaus Berger geht scharf mit der Kirche und ihren Theologen ins Gericht. Er sieht sie hoffnungslos dem "Zeitgeist" auf den Leim gegangen - von der "Entmythologisierung" der biblischen Texte bis hin zu so neumodischen Dingen wie Frauen im Pfarramt oder der Segnung gleichgeschlechtlicher Lebenspartnerschaften. Das kommt oft besserwisserisch, manchmal Allerdings würden wahrscheinlich die meisten von ihnen unter Bergers "Zeitgeist-Verdikt" fallen, denn sie orientieren sich eben nicht an den institutionellen Vorgaben der katholischen Kirche, wie er es letztlich fordert. Sie schauen nach vorn, während Berger zurück schaut. Die Vermutung, dass früher, bevor die Kirche gewissermaßen vom aufklärerischen Rationalismus infiziert wurde, irgend etwas besser gewesen wäre als heute, ist aber gänzlich verfehlt. Damals waren die Menschen vermutlich auch nicht frommer als heute, bloß konnte das der Kirche völlig egal sein. Sie hatte ja das religiöse Monopol und außerdem noch weltliche Macht. Diese Zeiten sind zum Glück passé. Heute hat das Christentum nur eine Zukunft, wenn es überzeugend und ansteckend ist. Klaus Bergers Verdienst ist es, dass er dies durchaus sieht und einfordert. Allerdings sind seine eigenen Texte davon meilenweit entfernt. Er selbst macht nämlich genau das, was er anderen vorwirft: darüber lamentieren, wie schlecht in der Kirche angeblich alles ist.

Einen weniger kirchlichen, sondern vielmehr philosophischen Zugang zum Problem der Religion im Zeitalter der Moderne suchen der Christ Hermann Kurzke und der Atheist Jacques Wirion in ihrem Unglaubensgespräch.

Entstanden aus einem zufälligen Briefwechsel, dokumentiert es das Ringen zweier im bürgerlichen Kulturkanon beheimateter Gelehrter. Von Augustinus bis Thomas Mann, von Goethe bis Nietzsche spielen sie sich die Bälle zu, immer die Frage umkreisend, ob es einen Grund gebe, zum christlichen Glauben zu stehen, oder ob dies eine Selbstlüge aus vergangenen Zeiten sei. Beim Lesen kann man mitverfolgen, wie aus der Konkurrenz dieses fast vier Jahre dauernden intellektuellen Pingpongs eine schöne Männerfreundschaft entsteht, in deren Verlauf die Frage, wer denn nun Recht hat und wer nicht, immer unwichtiger wird.

Ihr Ausgangspunkt ist - zumindest aus christlicher Sicht - fast ebenso pessimistisch wie der von Berger: Die Glaubensgewissheit ist verloren gegangen, wie selbst der überzeugte Katholik Kurzke eingesteht. Rationale Gründe für die Annahme, dass Gott existiert, gibt es nicht. Trotzdem will Kurzke nicht von der Religion lassen, und zwar deshalb nicht, weil sie so viele nützliche Aspekte habe: Sie biete Trost, beantworte Sinnfragen, bewahre die Kultur. Man dürfe die religiöse Tradition also nicht einfach über Bord werfen. Da aber der Glaube als solcher verloren gegangen ist, bleibe dem Christen nur das "Imitieren des überlieferten Glaubens, Inszenieren, Imaginieren, Zitieren, Spielen."

Eine solche "melancholische" Frömmigkeit ohne Glauben kann den Atheisten Wirion freilich nicht überzeugen. Sich aus bloßen Nützlichkeitserwägungen für das Christentum zu entscheiden, hält er für feige. Er glaubt, dass aufgeklärte Menschen die Tatsache akzeptieren müssen, dass die Welt nun einmal nicht von höheren Mächten zusammengehalten wird, sondern dass in ihr Sinnlosigkeit und Zufall herrschen.

An dieser Stelle droht das "Unglaubensgespräch" sich in einem fruchtlosen Patt zu verhaken, doch dann lernt Kurzke eine junge Frau kennen, und diese Begegnung stellt die beiden Theoreme auf eine praktische Probe. Die junge Frau hat einen Autounfall überlebt, bei dem ihre Freundin sterben musste, und kämpft seither mit Schuldgefühlen. Kurzke versucht, ihr eine religiöse Antwort auf das Dilemma der Ungerechtigkeit zu geben: "Ich deutete vorsichtig auf Begriffe wie Schicksal, Kismet (sie ist Muslimin), Vorsehung hin, und dass es gut sein könne, für das Unbegreifliche eine höhere Macht verantwortlich zu machen; nicht sie selbst habe die Deutungslast zu tragen. Hältst Du das für zulässig, für intellektuell redlich?" Das tut Wirion freilich nicht, er verweist erneut auf den Zufall. Die junge Frau müsse eben verstehen, dass nicht alles, was geschieht, einen Sinn oder eine Bedeutung habe.



Das Bedürfnis, eine höhere Macht verantwortlich zu machen

Die Bücher
Klaus Berger: Widerworte - Wieviel Modernisierung verträgt Religion? Insel Verlag, Frankfurt am Main und Leipzig 2005, 176 Seiten, 14,80 Euro.

Hermann Kurzke / Jacques Wirion: Unglaubensgespräch. Vom Nutzen und Nachteil der Religion für das Leben. Verlag C.H. Beck, München 2005, 280 Seiten, 22,90 Euro.
Kurzkes Entgegnung zeigt vielleicht eine Richtung an, in der die Antwort auf die Frage nach der Zukunft des Christentums in aufgeklärten und multireligiösen Zeiten zu suchen ist. Er schreibt: "Offenbar stellst du dir unter dem Sinn und dem Trost, den du asketisch verschmähst, eine unabhängig vom Menschengeschlecht existierende metaphysische Gegebenheit vor. Ich aber glaube, Sinn und Trost werden immer kulturell erzeugt, von Menschen gemacht. Es geht nicht um die Frage, ob sie vorweg existieren, sondern Du kannst entscheiden, ob Du eine Welt mit oder eine solche ohne Sinn und Trost entwerfen bzw. fördern willst."

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