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Guy Wagner (I)
 

Am Fenster
 
 

Der Mann am Fenster legte sorgsam den mit Gummi bespannten Wischer an die nasse Scheibe, aber seine Hand stockte in ihrer Bewegung, und der Mann starrte in den Regen. Es war ein schmaler Mairegen, den die Wolken seit langem angekündigt hatten. Sie hingen nun sehr tief, und es war rasch dunkler geworden.

Im Lesesaal der Bibliothek, wo wer über ein Buch gebeugt, Notizen auf ein kleines Blatt kritzelte, gingen die Neonleuchten an. Er wußte nicht, warum er plötzlich mit Lesen aufhörte, aber er legte den Bleistift neben das Blatt, und sein Blick, der langsam durch den Raum irrte, hielt an, als er den Fensterputzer traf. Was mag wohl in dem Mann vorgehen? glaubte er sich fragen zu müssen, und er sah zu, wie der Mann in den Regen starrte. Nur langsam erwachte die Hand und führte mit behutsamer Bewegung, von oben nach unten gleitend, die Seifenlauge auf den Schwamm.

Er stand auf und ging zu einem Bücherregal, nahe ans Fenster. Er wollte wissen, was der andere sah, und er blickte hinaus in den Regen. Autos fuhren vorbei und lärmten, Menschen hasteten unter bunten Regenschirmen vorwärts, das Laub eines alten Kastanienbaumes glänzte vor Nässe und ließ die Tropfen langsam hinunterrollen. Eine Frau ging mit schnellen Schritten von einem Manne weg. Sie hatte den Regenschirm aus der Hand des Mannes genommen, der zögernd die Hand hob, doch die Frau sah ihn nicht mehr an, und so ließ der Mann die Hand sinken mit einer Geste der Mutlosigkeit und Trauer. Er vergrub die Hände in den Hosentaschen und ging mit hochgezogenen Schultern, die den Kopf zu verbergen suchten, weiter. Die Entfernung zwischen Mann und Frau wurde immer größer. Noch zweimal drehte der Mann sich um und sah, dass die Frau weiterging, ohne sich umzusehen. Er verlor sie aus den Augen, als sie in der Menge untertauchte. Nur ihr roter Regenschirm blitzte manchmal noch im Gewühle der andern Schirme auf.

Der Fensterputzer setzte seine Arbeit fort und wischte mit behutsamer Bewegung Seifenlauge auf einen Schwamm ab, als er bemerkte, dass der andere ihn beobachtet hatte. Dieser ging an seinen Platz zurück und blickte vor sich hin.

An einem Maitag war es, vor einem Jahr, er wußte das Datum noch, es war der 24. gewesen, da hatte sie ihm gesagt: "Es hat keinen Sinn, ich kann nicht." Er meinte: "Können wir nicht nochmals versuchen, irgendwie?" Sie winkte mit dem Kopf ab, und er sah die großen Augen, in die sich Kälte eingeschlichen hatte. Er hielt noch ihren Regenschirm, auf den leichte Tropfen trommelten. Sie legte ihre Hand auf seine. "Es regnet", sagte sie, "ich muss nun gehen." Sie nahm den Schirm und ging mit schnellen Schritten von ihm weg. Würde sie sich noch einmal umsehen? Er hob zögernd die Hand, doch die Frau sah ihn nicht mehr an, und so ließ er die Hand sinken mit einer Geste der Mutlosigkeit und Trauer. Er vergrub die Hände in den Hosentaschen und ging mit hochgezogenen Schultern, die den Kopf zu verbergen suchten, weiter. Er blieb noch zweimal stehen und sah, dass die Frau weiterging, ohne sich umzusehen; er blickte ihr nach, bis sie in der Menge untertauchte. Nur ihr roter Schirm blitzte manchmal noch im Gewühle der andern Schirme auf.

Er stand da, den Kopf in den Schultern vergraben. Er schlug den Jackenkragen hoch und starrte in den Regen. Er spürte, wie sein Gesicht nass wurde. Er fragte sich, ob es wohl vom Regen sei. Er hob den Kopf und erblickte an einem Fenster einen Mann, der ihm zusah. In der Hand hielt er einen mit Gummi bespannten Wischer, den er an die Scheibe gelegt hatte. Die Hand führte mit behutsamer Bewegung, von oben nach unten gleitend, Seifenlauge auf einen Schwamm. Der Fensterputzer tat, als sehe er ihn nicht, der weiterging mit müden Schritten; der bald in der Menge  verschwand; der heimging mit nassem Gesicht; der in der Leere seines Zimmers fröstelte; der an seinem Schreibtisch vor sich hinstarrte; der an eine Frau dachte, die weggegangen war, weil es keinen Sinn hatte; der sich an einen Fensterputzer erinnerte; der einen Bogen Papier nahm und einen Bleistift; der mit schweren Buchstaben Worte auf das Blatt schrieb, Worte, die sagten: Der Mann am Fenster legte sorgsam den mit Gummi bespannten Wischer an die nasse Scheibe, aber seine Hand stockte in ihrer Bewegung, und der Mann starrte in den Regen.

Draußen regnete es weiter, als er diese Worte schrieb und andere um einen Fensterputzer und eine Frau und einen Abschied vom Frühling.


Aus: Texte um Spuren. Editpress - Neuveröffentlichung in: 33 Erzählungen Luxemburger Autoren des 20. Jahrhunderts, Institut Grand-Ducal, 2000

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