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Jay Schiltz (I)
 

Aschengänger

Auszug I



Mein Name ist Jakob Aschengänger. Den Namen trage ich seit ewig oder erst seit gestern, schon seit damals, als es geschah oder aber spätestens seit dem Tag, an dem die Pflicht des Erinnerns für mich zur Notwendigkeit wurde, mir selbst aufgetragen, und von ihnen, von all den Andern und mehr. Auch weil die Angst Einzug hielt, der Tag sei nicht mehr fern, an dem das Gewesene als gewesen abgelegt werden würde, gleich einem schlechten Traum, den man am Morgen mit klarem Wasser abzuwaschen versucht.

Mein Name ist Jakob Aschengänger. Weil man einen Namen haben muss unter all den Namenlosen. Auch wenn ich zu spät geboren wurde, um über diese hier zu erzählenden Begebenheiten als Zeuge zu berichten. Doch um es mit Grass zu halten, ist die Gnade der späten Geburt auch in diesem Fall Verpflich­tung. Deshalb bin ich auch ein Zeuge der zweiten Generation, einer jener Zeugen, denen die Aufgabe gegeben ist, das Zeugnis weiterzugeben, das Zeugnis jener Menschen, denen man alles nahm, bis auf ihr Leben. Dies durften sie nicht aus Menschlichkeit behalten, sondern aus Zufall. Sie haben zufällig die Hölle überlebt, als Zeugen werden sie nicht mehr ewig reden können.

Mein Name ist Jakob Aschengänger und eine Weigerung des Wegsehens, des Wegdenkens. Jakob heiße ich der Vollständig­keit des Erinnerns halber, weil das Verbrechen neben dem Nachnamen auch einen Vornamen haben muss. Er steht für all die Jakobs ohne Namen. Er steht für Jakob den Barackenbauer, für Jakob den Scheißmeister, für Jakob den Zähnezieher, für Jakob den Haareschneider, für Jakob den Leichenverbrenner, für Jakob den Grabengräber.

Oder er steht für jenen Jakob, der vielleicht nie da war, nie angekommen ist, an den Orten der Vernichtung. Vielleicht vor­her gestorben, an der Ohnmacht, am gelben Stern, schon vor der düsteren Zeit des Gestorbenwerdens. Jakob der Vergessene.

Mein Name ist Jakob Aschengänger und ich gehe über Friedhöfe ohne Gräber, jedes Jahr, so um Allerheiligen und zünde eine Gedenkkerze neben der roten Rose auf fremder Sprache. Und sehe in die Steine. Sie liegen kalt und geborsten jenseits der Vorstellung.

Mein Name ist Jakob Aschengänger und ich gehe seit Jahren über Aschengräber, jedes Jahr, zu Allerheiligen und in Gedanken immer öfters, seit mir in diesem, von der Geschichte verdrecktem Nest das Versprechen abgenommen wurde, die Zeit nicht wachsen zu lassen über all das Grauen. Aber die Zeit wächst schnell und macht aus der Erinnerung Vergessen. Und dann entstehen Lügen, weil Lügen helfen, sich zurechtzufinden.

Und immer steht dann auch irgendwann Ahasver neben mir, jener zum ewigen Wandern verdammte Mensch. Wir kennen uns schon eine Zeit lang, wir sind uns immer wieder begegnet, mal hier, mal dort, da wo er es für nötig hielt, mich, uns zu sehen.

»Es ist wieder ein Jahr vergangen seit der Ewigkeit«, sagt er dann und legt zitternd seine Rose neben die meine auf die fremde Sprache, die er verstehen kann. Weil er sie spricht, seit tausen­den von Jahren. Ahasver hab ich deshalb auch hier getroffen, am Ende seiner langen Reise, mitsamt seinem ewigen Mythos, der ihm gegeben wurde, damals, als man den Hass auf dieses Volk in unsere heiligen Bücher schrieb.

Ahasver wurde mein Freund und Gefährte an diesem Ort der Verzweiflung und des ewigen Sterbens. Er ist hier nicht gestorben und hat doch hier sein Ende gefunden. Aber er gönnt sich heute, unter seinen Tränen um sein Volk, endlich die Rast, nach vielen Jahrhunderten und er erzählt den langen Weg von Golgatha nach hierher, sein rastloses Wandern durch die eigene Legende bis zur Rampe neben dem Gleis, auf der er angekommen ist, damals, wie all die andern Millionen. Er wusste, dass er hier die Summe allen Leidens erleben würde, seines Leidens, vor seiner Ewigkeit dazu verdammt. Und deshalb hat Ahasver hier gewartet, auf uns, auf andere, um uns und sie zu führen durch diese Aschenstätte.

Er macht kehrt und geht weg, und kommt wieder und spricht mit mir über all das, was hier geschah. Er war es, der mich ein erstes Mal und dann immer wieder Jakob Aschengänger genannt hat. Wenn er weint, werden seine Tränen zu Nebel, der sich schwer auf die Seele legt.

Er kommt, um mit mir die Staubkörner zu zählen, die fliegen. Staubkörner, die wir ihm jedes Jahr mitbringen, junge Men­schen, die wissen wollen und auf seine Worte warten.

Jedes Jahr sind es deren mehr, jedes Jahr sind es andere. Sie werden hier zu Sand im Getriebe des Vergessens. Dieser Ort macht sie zu Bremsern und ich, Jakob Aschengänger, erzähle ihnen, was Ahasver mir aufgetragen hat, erzähle den Staubkörnern die Geschichten, die man lange nicht hören wollte und die man heute schon lieber wieder vergessen möchte.

Geschichten von Zeugen und ihren Zeugnissen. Von denjenigen, die schon mal da waren. Und überlebten. Oder auch nicht. Denn mit dem Überleben, sagt Ahasver, ist das so eine Sache. Er wisse, wovon er spreche, sagt er mir jedes Mal und vergisst, dass wir uns schon lange kennen.

Weiterleben, um doch daran zu sterben. An den Gedanken, die zurückkommen, jeden Tag und jede Nacht, Erinnerungen von dem Gelebten, Erlebten, Überlebten. Am Ende doch gestorben an den Träumen, an den nie endenden Tränen, an den Schreien, die niemand hören wollte, im Dunkeln. Daran gestorben, weil man heute ihre Träume übersieht, sie wegtut, als würden sie nicht sie, sondern andere quälen. Und weil das Wegsperren leichter fällt als das Hinsehen.

Sie kommen zurück, Jahr um Jahr, um Allerheiligen, die Staubkörner aufzuwirbeln, nach all den Jahren, nach all dem Leben. Die Staubkörner sollen wissen lernen von der geraubten Jugend, von den zertretenen Seelen, von der schon vor dem Tod gestorbenen Würde, von dem Nichtmehrmenschsein.

Als Jakob Aschengänger hat mich Ahasver gelehrt, ihre Geschichten aufzusaugen, er hat sie zu meinem Namen gemacht, ich hab ihn von ihnen erhalten, hier, auf diesem Nebelfeld, wo das Gras den Tod nicht überwachsen kann. Weil alles in ihnen ist und mit jedem Herzschlag wiederkommt, Einkehr hält vor dem Gewesenen, dem Unfassbaren, als Gefäß, in der die Erinnerung aufzubewahren ist, eine Urne, mit dem zu Asche gebrannten Volk.

Mein Name ist Jakob Aschengänger und ich habe diesen Namen nicht gewollt. Ich kam hierher, um zu sehen. Und begann, hier zu bleiben, in Gedanken. Hier wurde ich als Jakob Aschengänger geboren, auch wenn der Samen, unbemerkt, an vielen Stellen meines Lebens gestreut wurde. Aber hier fand sich der Boden, auf dem er gedeihen konnte. Ahasver hat das gewusst, am ersten Tag, an dem wir uns hier trafen. Das sind jetzt schon viele Jahre her, für ihn war es gerade gestern. Aber an diesem verdammten ersten Tag, als ich diese Stätte des Grauens ein erstes Mal sah, war Ahasver da und führte mich und nahm mir das Versprechen ab, zurückzukommen, immer wieder, Jahr um Jahr.

Er hat mir dieses Versprechen in die Seele gebrannt, hat mich verwundet, gespalten mit seinen Geschichten. Und ich sollte merken, dass Ahasver auch alles über mich wusste. Er wusste von Anfang an, dass in mir dieses schreckliche Feuer des Wis­senwollens brannte, auch über das eigene Blut.

Was hat dieser Mann damals gemacht, hier in diesem Lande der Vernichtung, gerade mal jung genug, um zum Helden oder zum Verbrecher zu werden. Als gebrannter Held kam er aus diesem unseligen Krieg zurück, nach Hause, zu uns, aber Ahasver wusste mehr und pflanzte seine Zweifel in meine Seele, so wie es jener Freund getan hat, der jetzt ruht, unter dem Davidstern und über den zu reden, die Zeit kommen wird.

Mein Name ist Jakob Aschengänger. Einmal und tausendmal schon habe ich ihre Geschichten gehört, die an die Staubkörner weiterzutragen Aufgabe geworden ist, weil sonst all diese Geschichten einmal selbst nur noch Staub sein werden in unserem Gedächtnis. Und dort vergehen werden zu Nichts.

Und so begegnet Jakob Aschengänger auch hier und immer wieder Ahasver, dessen lange Reise an diesem Ort zu Ende gegangen ist, wie er sagt und nicht wie es verflucht worden ist, bei der Wiederkehr des Einen, wie sie uns glauben machen wollen, seit ewig. Ahasvers Reise ging hier zu Ende, wo alles zu Ende ging, was man gemeinhin Glauben nennt, dort drüben, wo jetzt die Bäume wachsen und nur noch Steine zeugen. Dort kann Ahasver jetzt ruhen, solange die Erinnerung bleibt. Sollte die vergehen, würde er sich wieder auf den Weg machen müssen. Deshalb hält er an uns fest, wenn wir da sind. Damit das nicht vergehe, was sie uns auftragen, sie, die sie hier geboren wurden, um Zeugnis zu sein, auf ewig ihres Lebens.

Und so wurde Jakob Aschengänger ihr Erzähler.

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