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Danielle Roster (I)
 

Die großen Komponistinnen
 
 

Die Lebensdaten von Marianne Martinez decken sich mit einer Zeit des radikalen Umbruchs in der Geschichte der Frau. Die Aufklärung förderte die Idee der natürlichen Gleichheit aller Menschen. Die alte These der weiblichen Inferiorität, die noch im 17. Jahrhundert nur von einer kleinen Minderheit angezweifelt wurde, verlor einen großen Teil ihrer Befürworter. (...) Das neue Frauenbild bot neue Chancen, setzte aber auch neue Grenzen. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts verfestigte sich die Idealvorstellung von der Frau als Gattin und Mutter, die im 19. Jahrhundert ihren Triumph feierte. Dem Kind und dem Familienleben wurden immer größere Bedeutung beigemessen. Zwischen privatem und öffentlichem Leben, zwischen den Aufgabenbereichen der Frau und des Mannes wurde immer strenger getrennt.

Eine Frau sollte nur jene Fähigkeiten durch Bildung erwerben, die sie zur Erfüllung ihrer weiblichen Pflichten benötigte. Ernsthaftes Studium in gleich welchem Bereich und Gelehrsamkeit wurden bei einer Frau als unnötig und unschicklich empfunden. In Übereinstimmung mit dem einflußreichen Erziehungstheoretiker Jean-Jacques Rousseau definierte der im gleichen Jahr wie Marianne Martinez geborene Johann Gottfried von Herder die weibliche Bestimmung folgendermassen: "Das Frauenzimmer gehört ohne Zweifel nicht in die Hörsäle und Studierzimmer der Gelehrten, wenn es sich bilden will zu seiner Bestimmung, damit es seine Seele verschönere und das Vergnügen des männlichen Geschlechts sei, ... denn alle Sachen, alle Materien, alle Wissenschaften sind nie für die Weiber, und über viele können sie in ihrem Leben nicht anders als schiefe Urtheile fällen. ...!"

Der Materialismus des 18. Jahrhunderts legte es nahe, die Rolle der Frau aus ihrer biologischen Funktion abzuleiten. (...) Für die Komponistinnen im besonderen zog diese neue Theorie der Komplementarität der Geschlechter eine Reihe gewichtiger Konsequenzen mit sich, die sich im 19. Jahrhundert zu voller Blüte entfalteten. Wenn Frauen von Natur aus 'anders' sind als Männer, sind auch ihre Kompositionen 'anders' - 'emotionaler, zarter, weniger abstrakt und konstruiert', so wie es der 'weiblichen Natur' entspricht - als die von Männern. Da aber die musikalische Komposition Ratio und Abstraktionsvermögen - also 'männliche' Qualitäten - voraussetzt, scheint es 'natürlich', daß Komponistinnen begrenztere Fähigkeiten haben als Komponisten. Jean-Jacques Rousseau schrieb 1758: "Frauen besitzen weder künstlerische Sensibilität ... noch Genie..." In der Musikkritik wurde es mit der Zeit üblich, die Werke von Komponistinnen, die dem Kritiker gefielen, als abnorm männlich und die, die ihn nicht zufriedenstellten, als typisch weiblich zu bezeichnen. Frauen wurden als Komponistinnen von unterhaltender Salon- und Hausmusik (Lieder und Klaviermusik) geschätzt, aber nur Männern billigte man die Komposition der in der Öffentlichkeit aufgeführten, 'genialen' und ernsthaften Musik (Symphonien, Opern, Oratorien, Kammermusik usw.) zu.

Die Streitfrage 'Frau und Musik' wurde im Laufe der Geschichte immer wieder heftig diskutiert. Weitaus die meisten, die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in dieser Debatte Stellung nahmen, waren der Meinung, daß man bei Frauen die Musikalität in Maßen, aber nicht mit allen Mitteln fördern solle. Eine intensive Beschäftigung mit der Musik lenke sie zu sehr von ihren Pflichten als Mutter und Gattin ab und sei ohnehin zu nichts nütze, da eine Frau, die etwas auf sich halte, die Musik nicht beruflich ausübe. Das öffentliche Auftreten von Musikerinnen sei unschicklich. Joachim Heinrich Campe schrieb in seinem 1789 in Braunschweig veröffentlichten 'Väterlichen Rath für meine Tochter': "Unter hundert preiswürdigen Tonkünstlerinnen ... mögte wohl kaum Eine gefunden werden, die zugleich alle Pflichten einer vernünftigen und guten Gattin, einer auf alles aufmerksamen und selbsttätigen Hausfrau und einer sorgfältigen Mutter - ich will nicht sagen, wirklich erfüllet, sondern zu erfüllen nur verstehet. ... Oder glaubst du, mein Kind, daß eine Person deines Geschlechts, die ihre ... Jugend größtenteil am Klavier ... zugebracht hat, sich ... an die unharmonischen Töne ..., welche in der Kinderstube, in Küche, Keller und Speisekammer usw. unvermeidlich sind, leicht werde gewöhnen können?..."

In Maßen betrieben sei die musikalische Betätigung für Frauen hingegen ein unschuldiges Vergnügen sowie eine angenehme Zerstreuung und darüber hinaus auch in gewisser Hinsicht von großem Nutzen: "Wie manche hat sich dadurch den schönsten, den besten Gatten angespielt? Sie werden dadurch den Syrenen gleich, welchen niemand entfliehen kann, der ihren reizenden Tönen sein Gehör gönnt. Es vergnügt und nützt diese Kunst." meinte Joachim Heinrich Campe. Nach Rousseau sollte die weibliche Erziehung in allen Punkten den Bedürfnissen der Männer entsprechen: "Uns zu gefallen, uns nützlich zu sein, uns zu lieben und zu schätzen, zu erziehen, wenn wir jung sind, zu umsorgen, wenn wir erwachsen sind, zu beraten, zu trösten, unser Leben einfach und angenehm zu machen - dies sind die Pflichten der Frauen aller Zeiten und dies sollte man sie in ihrer Kindheit lehren." Mäßiges weibliches Musizieren und Komponieren im Rahmen der rechten Hausfrauenbildung konnte den Männern gefallen und von Nutzen sein, also erlaubte man den Frauen - wenn auch mit warnend erhobenem Zeigefinger - die Beschäftigung mit der Musik. Immer mehr Frauen entdeckten diese Kunst für sich und die Zahl der Musikdilettantinnen, aber auch die der Berufsmusikerinnen - Virtuosinnen und Sängerinnen - und Komponistinnen nahm trotz der Warnungen beständig zu.

Daß das Selbstverständnis der meisten Komponistinnen in dieser Zeit zwiespältig war, versteht sich von selbst. Die blinde Wiener Komponistin und Klaviervirtuosin Maria Theresia Paradis (1759-1824) entschuldigte sich brieflich bei dem Dichter Gottfried A. Bürger, ihre Vertonung seines Textes 'Leonore' veröffentlicht zu haben und meinte: "Wäre die Rede hierbei von gelehrten Abhandlungen..., so wäre es freilich naseweis für ein Mädchen, sich hinein zu mischen; allein wenn die Sprache von Einbildungskraft und Gefühl ist, so denke ich, dürfte das Mädchen wohl auch mitsprechen. Zwar hätte ich dieses Wörtchen zu Hause für mich sprechen können, ohne es in die Welt hinein zu schicken; aber was kann denn ich dazu, daß einige Musikfreunde mich so lange quälten, bis ich es herausgab?"

Auch wenn die Zahl komponierender Frauen insgesamt zunahm, blieben Komponistinnen dennoch Ausnahmeerscheinungen. Nur unter außergewöhnlichen Umständen war es für Frauen möglich, ihr Leben ganz der Musik zu widmen. Bei Marianne Martinez war es die Tatsache, daß sie aus einer wohlhabenden und kultivierten Familie stammte, von Pietro Metastasio besonders stark gefördert wurde und später als finanziell unabhängige und unverheiratete Frau ihre Kunst nicht den Pflichten einer Gattin und Mutter opfern mußte. Ob es sich bei der Ehelosigkeit der Komponistin um eine bewußte, zugunsten ihrer Kunst getroffene Entscheidung handelte, bleibt mangels eindeutiger Beweise Spekulation. (...)

Danielle Roster

Frankfurt/Main: Insel Verlag 1998. (Taschenbuchausgabe von 'Allein mit meiner Musik' Echternach: Editions PHI, 1995).

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