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Henriette Nittel
 

“Lillys Reise ins Ungewisse“

Auszug



Die siebenjährige Lilly wundert sich: Jedes Mal, wenn Besuch kommt, wird sie aus dem Zimmer geschickt. Ihr Vater wirkt in letzter Zeit meist abwesend und zieht sich in sein Arbeitszimmer zurück. Und was ist mit Mutter und Sebastian, ihrem Bruder? Ihr Vater behauptet, dass Mutter zur Kur und Sebastian bei Onkel und Tante sei. Doch stimmt das? Und was hat es mit dem merkwürdigen Verbot auf sich, an Türen zu lauschen? Nicht nur zu Huase, auch in der Schule, überall. Lilly will den Geheimnissen auf die Spur kommen, doch es wird eine "Reise ins Ungewisse“
 

 

Und so fing die Geschichte an.......

 

Lilly stand mitten im Esszimmer und spielte mit ihrer Puppe Mathilda. Gedankenverloren blickte sie aus dem Fenster. Obwohl die kalte Jahreszeit noch auf dem Kalender stand, war es ein herrlicher Tag. Die Sonne schien hell und zauberte einen leuchtenden Glanz auf den blank geputzten Tisch. Der Wind wehte sanft durch das geöffnete Fenster und ließ die Gardinen aufblähen. Es roch nach Frühling. Fröhliches Vogelgezwitscher drang in den Raum, doch Lilly hatte weder Ohren noch Augen für die frisch erwachte Natur, ihre Gedanken waren ganz woanders.

Es war kurz nach Mittag. Sie war allein im Zimmer, trug ein hübsches himmelblaues Kleid und hatte neue weiße Lackschuhe an. Wie magisch wurden ihre Augen von der Tür, die das Esszimmer von der Küche trennte, angezogen. Von nebenan drangen gedämpft Stimmen zu ihr herüber. So ging das nun schon seit Tagen. Jedes Mal, wenn jemand zu Besuch kam, bekannt oder unbekannt, sie wurde ins Esszimmer geschickt und durfte erst wieder heraus, wenn der Besuch weg war. Langsam wurde sie ungeduldig.

Wo war Mutti nur geblieben? Noch nie war sie so lange fortgeblieben. Auch Vati war nicht wie sonst, er kam immer öfter spät nach Hause, meist erst, wenn Lilly schon im Bett lag. Manchmal glaubte sie, aus seinem Schlafzimmer leises Weinen zu hören. Konnte es sein, dass ihr Vater weinte, oder bildete sie sich das nur ein? Ihr Vater war in letzter Zeit so abwesend, er war mit den Gedanken meilenweit entfernt und so traute sich Lilly nicht, ihn daraufhin anzusprechen.

Lilly war sieben Jahre alt und am 18. April, heute in sechs Wochen, war ihr achter Geburtstag. Sie war mittelgroß, schlank, hatte kastanienbraunes Haar und graugrüne Augen. Am liebsten trug sie abgetragene Jeans und Tennisschuhe.

Sie hatte einen kleinen Bruder, Sebastian, der erst zwei Jahre alt war. Er war seit einer Woche bei Tante Sylvia und Onkel Christian. Auch das war komisch. Solange sie denken konnte, war Sebastian nie von zu Hause weg gewesen. Je länger sie überlegte, desto klarer wurde es in ihrem Kopf, Mutti und Basti waren zur gleichen Zeit weggegangen.

Selbstverständlich hatte sie ihren Vater gefragt, wo die Mutter war, bekam jedoch nur eine kurze, ausweichende Antwort.

„Mutti ist zur Kur.“

„Was soll Mami in einer Kur? Was ist überhaupt eine Kur?“, hatte sie prompt weitergebohrt.

Darauf hatte er unwirsch geantwortet: „Mutti kommt bald nach Hause! Nun hör endlich mit der Fragerei auf, geh in dein Zimmer, ich habe noch viel zu tun.“

Mit diesen Worten hatte ihr Vater sich auf dem Absatz umgedreht und war in sein Büro gegangen. Traurig hatte sie ihm nachgesehen und war in ihr Zimmer gegangen. Dort hatte sie sich weinend auf das Bett geworfen und über das Verhalten ihres Vaters nachgedacht.

Zwar war sie schon seit Langem gewohnt, dass ihr Vater sich gerne in sein Büro zurückzog, er arbeitete oft zu Hause, und doch, sie wurde die dumpfe Ahnung nicht los, dass da etwas nicht stimmte. Seit ihre Mutter fort war, verbrachte er immer mehr Zeit in seinem Arbeitszimmer, und sie, Lilly, durfte den Vater dort nicht stören. Jedes Mal blockte der Vater sofort ab, wenn sie nach der Mutter fragte. Lilly wurde das Gefühl nicht los, dass ihr Vater sich ganz bewusst von ihr fernhielt.

Als sie heute im Esszimmer mit Mathilda spielte, hatte sie ein ganz komisches Gefühl, eine Art Vorahnung, etwas war anders, nicht allein ihre Kleidung, in der sie sich gar nicht wohlfühlte, nein, etwas lag in der Luft, nur wusste sie nicht, was es war. Ihre Gedanken wurden von einem Geräusch unterbrochen. Vor dem Fenster gingen ein paar Kinder plaudernd und lachend vorbei, sie schleppten schwere Schultaschen. Das mussten Schüler aus den höheren Klassen sein. Lilly hatte schon seit zwei Stunden schulfrei.

Seit September letzten Jahres besuchte sie die Grundschule.

Von Anfang an mochte Lilly ihre neue Umgebung, sie hatte gehört, dass es dort zahlreiche Räume, Gänge, Treppen und Hallen gab, in denen man sich, so wurde überall herumerzählt, verlieren konnte, wenn man nicht aufpasste. Für die großen Kinder war es ein Spaß, den kleinen Angst einzujagen, doch Lilly hatte keine Angst, im Gegenteil, sie lachte über die albernen Geschichten. Das Einzige, was sie ernst nahm, war die Vorschrift, dass es für sie und ihre Schulkameraden von der ersten Klasse verboten war, sich von ihrem Klassenzimmer und dem daneben liegenden Freizeitraum mit Kantine zu entfernen. Das hatte man ihnen vom ersten Tag an eingeschärft.

Noch etwas anderes hatten die Kinder, die zum ersten Mal die Schule besuchten, gelernt:

Man darf nicht an Türen lauschen und nicht versuchen, fremde Gespräche zu belauschen.

Die Türen in der ganzen Schule waren mit automatischen Meldern versehen, die laut aufheulten, wenn jemand zu nahe an eine geschlossene Tür herankam. Warum das so war, wollte aber niemand erklären. Die Antwort lautete immer: „Du bist zu klein, um das zu verstehen!“ Zu Hause galt dasselbe. Von klein auf hatte man Lilly verboten, an Türen zu lauschen, sie durfte nicht in die Nähe einer geschlossenen Tür. Bis heute hatte sie das nicht gestört. Es kam eher selten vor, dass Erwachsene hinter geschlossenen Türen diskutierten. Die Türen im ganzen Haus, außer der von Vaters Büro, standen weit offen.

Erst seit letzter Woche war das anders, fast kein Tag verging, ohne dass Lilly ins Nebenzimmer geschickt wurde. Zu allem Übel musste sie dieses schreckliche Kleid und diese drückenden, grässlichen und unbequemen Lackschuhe anziehen.

Langsam näherte sich Lilly der Küchentür. Sie hatte Mathilda fest an sich gedrückt, sie wusste ganz genau, dass sie etwas Verbotenes tat, aber vielleicht würde es niemand bemerken und sie würde etwas über das Verschwinden ihrer Mutter erfahren. Vielleicht war es gar nicht so schlimm, an einer Tür zu lauschen. Außerdem war es immer noch besser, als ewig hier herumzusitzen und zu warten, bis ihr Vater sie endlich aus dem Esszimmer holen würde. Und falls es doch einer merken sollte, könnte sie immer noch erklären, dass sie sich so sehr nach ihrer Mutter sehnte.

Als sie nur noch wenige Schritte von der Tür entfernt war, spürte sie etwas an ihrem Arm. Sie schaute verdutzt auf Mathilda, nein, sie hatte nicht geträumt, Mathilda bewegte sich, sie hatte ihre kleinen Hände zu Fäusten geballt und schlug damit wütend auf Lilly ein.

Na so was! Lilly war zutiefst erschrocken und hielt Mathilda auf Armlänge von sich entfernt. Sie war nur noch wenige Schritte von der Tür entfernt. Wie angewurzelt blieb sie stehen und hielt inne.

Ich muss träumen, dachte sie und wischte sich über die Augen. Doch als sie wieder aufschaute, sah sie direkt in das zornige Gesicht ihrer Puppe. Es war ihr niemals aufgefallen, dass Mathilda so durchdringende und fast schwarze Augen hatte. Auch konnte sie sich beim besten Willen nicht erklären, wieso ihre Puppe da auf sie einschlug. Um alles nur noch schlimmer zu machen, fing sie mit schneidender Stimme an zu reden.

„Lilly Lettin! Was erlaubst du dir? Obwohl du weißt, dass es verboten ist, willst du an der Tür horchen! Nie hätte ich geglaubt, dass du so ungehorsam bist!“

Wie konnte es sein, dass sie Mathilda sprechen hörte, und wieso wusste die Puppe, was sie vorhatte? Nein, sie musste sich irren, das war einfach unmöglich. Sie sah die Puppe fassungslos an, und fragte ganz vorsichtig: „Kannst du Gedanken lesen? Wieso kannst du reden?“

Mathilda verdrehte die Augen und sagte streng: „Natürlich kann ich sprechen, genau wie du, und ja, ich kann tatsächlich Gedanken lesen.“

„Aber warum habe ich dich vorher nie gehört und wieso habe ich nie bemerkt, dass du lebst? Du bist bei mir, seit ich auf der Welt bin! Du bist immer bei mir, sogar in die Schule darf ich dich mitnehmen. Wieso habe ich nie etwas bemerkt?“, fragte Lilly mit klopfendem Herzen.

Mathilda musste lächeln über so viele Fragen auf einmal.

„Nun mal langsam, meine Zeit war noch nicht gekommen, doch eins nach dem …“

Die Küchentür ging auf, Lilly schaute auf, der Besuch war gegangen und sie durfte aus dem Esszimmer. Sie sah hinunter auf Mathilda, die wie immer leblos in ihrem Arm lag. Hatte sie das alles doch nur geträumt? So fest sie auch ihre Puppe rüttelte und schüttelte – nichts geschah. Sie war und blieb stumm.

Als Lilly in den Flur ging, um in ihr Zimmer zu gehen, hielt ihr Vater sie zurück, er sah sie lange mit traurigen und etwas geröteten Augen an, ein schmerzhaftes Lächeln umspielte seinen Mund.

„Lilly, würdest du bitte so lieb sein und mit mir in mein Arbeitszimmer kommen?“, fragte er und ohne eine Antwort abzuwarten, ging er den Gang entlang zur Tür, die er weit öffnete, um das Kind einzulassen.

Zögernd trat Lilly näher. Ins Arbeitszimmer? Dort, wo sie sonst nie hineindurfte? Langsam trat sie über die Türschwelle. Sie blieb stehen, sie war überwältigt von der Vielfalt der Dinge, die sie hier sah, nie hatte sie geglaubt, dass es so viele interessante Sachen gibt. Sie wusste, dass ihr Vater ein leidenschaftlicher Sammler war. Es war einfach überwältigend, fast alles, was man so sammeln konnte, befand sich hier in diesem Raum. Von Taschenuhren, Vasen, Münzen, Postkarten bis hin zu einem aufgestellten Schlachtfeld mit Zinnsoldaten in richtigen Uniformen und mit rauchenden Flinten. Zwischen, neben und auf Regalen und Schränken standen Öllampen, Miniaturflaschen mit Weinbrand und Likör und noch vieles mehr.

Heute jedoch bedachte der Vater seine Schätze mit keinem einzigen Blick. Er schloss die Tür sorgfältig und setzte sich hinter den großen Schreibtisch, der in der Mitte des Raumes stand. Lilly konnte sich leider nicht weiter umsehen, denn ihr Vater fing sofort an zu sprechen: „Komm her zu mir, Lilly.“

Sie trat zu ihm hin, er streichelte ihr abwesend über den Kopf, bat sie, sich neben ihn auf einen Stuhl zu setzen und sagte mit leiser, aber durchdringender Stimme: „Lilly, es wird nicht leicht werden, dir zu erklären, was ich dir sagen muss, aber es ist an der Zeit, dass du die Wahrheit erfährst. Du musst es von mir erfahren, bevor jemand sonst es tut.“

Er sah zum Fenster hinüber, durch das die Sonne hell ins Zimmer schien. Eine angenehme Wärme hatte sich ausgebreitet. Lilly drückte Mathilda fest an sich, sie hatte plötzlich Angst. Noch nie hatte sie ihren Vater so traurig und schwermütig gesehen. In Vatis Schreibstube, die bis heute für sie tabu gewesen war, saß sie jetzt und er wollte ihr etwas sehr Wichtiges sagen.

„Lilly, hör mir bitte genau zu! Lilly …“

Sie schrak aus ihren Gedanken hoch, sie hatte nicht bemerkt, dass ihr Vater weitergesprochen hatte. „Bitte hör mir aufmerksam zu, es ist sehr wichtig und wird unsere Zukunft entscheidend verändern. Wie du bereits festgestellt hast, sind deine Mutter und Sebastian seit einer Woche nicht mehr hier. Bevor ich das Geschehene nicht einigermaßen überwunden hatte, konnte ich dir die Wahrheit nicht sagen. Nur deshalb habe ich dir erzählt, Mutti sei zur Kur und Sebastian bei Tante Sylvia und Onkel Christian. Auch habe ich dich jedes Mal ins Esszimmer geschickt, wenn jemand zu Besuch kam. Es tut mir aufrichtig leid, wenn ich dich damit gekränkt habe und es dir vorkam, als wollte ich dich ausschließen, doch leider hatte ich keine andere Wahl. Immer dann, wenn es möglich war, haben Mutti, deine Lehrer in der Schule, alle Bekanten und Verwandten sowie natürlich ich selbst dich ermahnt, nicht an Türen zu lauschen Diese Regel gilt für jeden ohne Ausnahme! Es ist sehr gefährlich. Wenn man sich nicht an diese Regel hält, geschieht etwas sehr Schlimmes ...

 

 

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