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Irm
Lind
(I)
Brief
An
die Hauptgestalt eines lëtzebuergeschen Jugendromans: "Aleng"
von C. Clement
Liebe Cathy,
ich bin fast sicher,
du bist noch nicht verblutet, weil du dir die Pulsadern aufge-schnitten
hast. Warum?
Der Schluss deines Berichts zeigt, in deinem Bewusstsein spielt Gott
noch eine Rolle: "Et lait och net alles un him", so
erzählst du.
Es mag dir - und mir - manchmal sinnlos erscheinen, mit Gott zu sprechen,
vielleicht, weil wir Gott nicht leibhaftig vor uns sehen, wenn wir ihm
unsere Nöte anvertrauen. Wir sind uns dann nicht sicher, ob unser
Gespräch mit ihm gehört wurde, oder - was noch mehr wiegt
- ob er uns verstanden hat.
Andererseits erinnere ich mich an deine - meine - Gespräche im
direkten Gegenüber mit unseren Nächsten, den Menschen: Wie
demütigend ist es doch, ei-nen vermeintlichen Zuhörer zu haben,
dann aber feststellen zu müssen: Der da hört mir ja gar nicht
zu, oder - schlimmer - er versteht mich nicht.
Und wenn dieser andere mir das auch noch lauthals zu verstehen gibt,
schreit, mich misshandelt, dann ist das alles nur noch schmerzlicher.
Wenn ich Gott etwas sage, habe ich mich vorher gesammelt, und später
kann ich in mich hineinhorchen, um so seine Gegenwart und Antwort zu
fühlen.
Wir sammeln uns zu wenig..
Wer kennt heute noch das Wort "inbrünstig"? Das
Äußere, Äußerliche, Veräußerbare, Veräußerte,
Außen, das Draußen sind die Schlagworte unserer Zeit.
Du aber, Cathy, hast dein Inneres geöffnet. Indem du dein Äußeres
für die drau-ßen provozierend veränderst, hältst
du ihnen den Spiegel vor: Sie stören sich an deinem Äußeren.
Du bleibst draußen, im hässlichen Neudeutsch "außen
vor".
Viele werden deinen Bericht nicht lesen, sich nicht auf dein Innerstes
einlassen, so glaube ich; zumindest nicht zu Ende lesen. Besonders ältere
Luxemburger, die zwar ihre Sprache zu sprechen gelernt haben, aber kaum
diese Sprache zu lesen oder gar zu schreiben, diese Leute geben oft
zu, dass ihnen das Lesen ihrer Muttersprache viel zu mühselig ist.
Es kommt also gar nicht erst zu einem Dialog mit ihnen, mehr noch, sind
sind nicht bereit zu verstehen, denn noch mehr Mühe als das rein
inhaltliche Lesen - der "story" - erfordert es, zum
Verstehen bereit zu sein.
Ich selber, als ausländische Bürgerin, kann das Lëtzebuergesche
nicht überfliegen, sondern ich muss es wie eine Fremdprache lesen,
wenn ich es verstehen will, Wort für Wort, manchmal Buchstabe für
Buchstabe. In deinem Bericht kommen zudem Wörter vor, die ich nicht
kenne, zum Beispiel das Wort "Schëcks" für
die Freundin des Vaters. Auch mein luxemburgischer Mann, den ich oft
um Übersetzung bitte, kennt übrigens nicht alle deine Wörter.
Auch hier spiegelt sich ja die grundsätzliche Problematik, wenn
Junge und Alte miteinander sprechen: kenne ich schon die Wörter
nicht, wie soll ich dann ihren Sinn verstehen?
Aber wenn ich geduldig weiter lese, erklärt sich Vieles aus dem
Zusammenhang.
Einige werden einwenden: das ist doch primitiv, was und wie du erzählst,
keine Kunst.
Ich finde Form und Inhalt jedoch kreativ. Wenn andere Leute meine eigene
Kreativität angreifen, dann, Cathy, habe ich mir einen kleinen
Gedanken gemerkt, den ich von einem Fachmann gelesen habe, der über
die Kunst der afrikani-schen Völker in einem Berliner Ausstellungskatalog
schreibt. Der Gedanke ist etwa dieser: "Primitiv",
angewandt von uns Weißen anderer Kontinente auf die Kunst Afrikas,
ist ein hinterhältiges Wort. Es zeigt doch nur eines: das arrogante,
nicht-afrikanische Gegenüber war noch nicht im Stande, die Kultiviertheit
der anderen und ihrer Kunstwerke zu erkennen. - Ein hilfreicher Gedanke?
Cathy, seit ich in deinem Bericht die Gedanken las, selber Hand an sich
zu legen, um aus dem Leben zu scheiden, muss ich auch oft an Kevin denken,
den sechzehnjährigen Jungen, der vor kurzem aus der Alzette geborgen
wurde - tot. Ob ihm dein Bericht "Aleng" geholfen hätte,
sich nicht so aleng zu fühlen, wenn er ihn vorher gelesen
hätte? Und auch der andere, nicht-luxemburgische junge Mann. Wie
hätte er gedacht, wenn er über deinen Glauben und Gott von
dir gelesen hätte? Und warum wurde sein Tod totgeschwiegen (ich
habe nur durch Zufall davon erfahren)?
Auch das ist wohl ein Phänomen unserer Zeit: der Tod und das Sprechen
über den Tod wird verdrängt. Dabei gehört er zu den Menschen
wie die Geburt. Auch wenn jemand tragisch gestorben ist, sich sein Leben
genommen hat, auch dann ist es dringend nötig, sich darüber
frei äußern zu dürfen. Nur so könnten wir den Ursachen
solch tragischer Menschenleben auf den Grund gehen, um - hoffungsvoll
- dadaurch weitere Leben retten zu können, meine ich.
Und wie sollen die mit einer klaffenden Wunde zurückgebliebenen
Angehörigen und Freunde einen solchen Tod verarbeiten?
Vor zwei Jahren schied ein luxemburgischer Vater von vier kleinen Kindern
aus dem Leben. Als ich das Datum seines Todes las, 5. April, erinnerte
ich mich an den Komponisten Johannes Brahms, dessen Todestag war, so
meine ich, vor 100 Jahren am gleichen Tag. Als dieser Musiker erst 23
Jahre alt war, hatte sein Freund und Vorbild Robert Schumann seinem
Leben ein Ende gesetzt. Brahms trauerte sehr sehr lange. Dann entschloss
er sich, das "Deutsche Requiem" zu schreiben. Er las
immer und immer wieder in der Bibel, auf der Suche nach Textstellen,
die ihm Trost spenden könnten. Dreizehn Jahre brauchte Johannes
Brahms, um sein Werk fertig zu stellen.
Eine der darin
verarbeiteten, bedeut-samsten Stellen aus der Bibel ist diese:
Ihr habt nun Traurigkeit, aber ich will euch wiedersehen, und euer Herz
soll sich freuen und eure Freude soll niemand von euch nehmen. (Joh.16,
16.20.22)
Jetzt konnte Brahms sein Requiem abschließen. Seine christliche
Trauerarbeit führte durch ein Meer mit tobenden Wellen. Er hatte
sich auf einen Dialog mit der Heiligen Schrift eingelassen, Gottes Worten
zugehört, und so Zuversicht gewonnen. Er war allein in seinem diesseitigen
Leben, ohne den Freund, ohne die Mutter - die auch in dieser Zeit starb
-, aber er war zuversichtlich, dass es Gott gibt, der uns ein Wiedersehen
im Leben nach dem Tode verspricht: nicht mehr "aleng".
Ich wünsche mir, viele junge - und alte - Menschen könnten
deinen Bericht, Cathy, auch aus dieser Perspektive lesen. Vielleicht
könnten sie dann Gott so sehen wie die Jugendlichen auf der EXPO
in Hannover, die den Pavillon des Vatikans besuchten. Hier schaut uns
Jesus von einer großen Abbildung in die Augen und fragt: "Und
für wen hältst du mich?"
Sie schrieben ihre Antwort in eine Ecke des darunter liegenden, dicken
Buches: Fir den, den nët ophält nozulauschteren.
Ob das korrekte Orthographie ist? Ich weiß es nicht. Für
mich ist nur der Sinn bedeutsam.
(bisher unveröffentlicht)
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