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Josiane Kartheiser (II)
 

Der Prinz


Er hatte die Hartnäckigkeit seiner Vorfahren geerbt. Zähe Fischer, die dem Meer ihre karge Beute abgekämpft hatten und mit deren Verkauf gerade genug verdient hatten, um ihre Familien mehr schlecht als recht durchzubringen. Bis der letzte in der Reihe, sein Vater, beschlossen hatte, sein Glück in jenem fernen Land zu versuchen, von dem i hm Antonio erzählte, wenn er im Sommer mit seinen Kindern, seiner schick gekleideten Frau und seinem flotten Wagen seine Familie besuchte. lm ganzen Dorf gab es kein solches Auto. Antonios Ankunft gestaltete sich jedes Jahr zu einem Trumpf, und seine Familie zeigte noch wochenlang den Nachbarn und Freunden die herrlichen Geschenke, mit denen er sie überhäuft hatte.

Der Vater war zuerst allein hingefahren, hatte Arbeit gefunden, der Familie Geld geschickt und nichts davon erzählt, unter welchen Bedingungen er lebte und arbeitete, um dieses Geld sparen zu können. Doch eines Tages war der Brief gekommen, mit dem er seine Frau aufgefordert hatte, mit den Kindern nachzukommen.

Anita hatte schweren Herzens ihre Arbeit in der Fabrik gekündigt und sich voller Ängstlichkeit und Unsicherheit, aber auch mit einer gewissen Vorfreude, mit ihren Söhnen auf den Weg gemacht. Die Zugfahrt war lange und beschwerlich gewesen, und der Vater schien müde und abgekämpft, wie er So am Bahnhof auf sie wartete und mit dem Wagen eines Freundes in die mehr als bescheidene Wohnung brachte, die ihr neues Zuhause sein würde.

Die Vorfreude wich rasch der harten Realität. Der Vater arbeitete auf dem Bau, die meiste Zeit des Jahres bei Regen und Kälte, und der Presslufthammer und der ewige Lärm begannen, ihren körperlichen Tribut zu fordern. Und die Mutter musste sich als Putzfrau verdingen, stunden- und tagelang die luxuriösen Wohnungen der Einheimischen reinigen, jeden Tag mit Träumen konfrontiert, deren Verwirklichung nicht für ihresgleichen gedacht war.

Und doch war es die Mutter, die am meisten nach Hause brachte: Möbel, die ihre Eigentümer nicht mehr gebrauchen konnten, Nippes und alte, aber noch funktionstüchtige Haushaltsapparate, Kleider, die sie mit ein paar geschickten Handgriffen umzuändern verstand. Und was die Familie nicht selbst verwenden konnte, floss ein in einen regen Tauschhandel mit ihren Landsleuten, die das gleiche Schicksal teilten und schnell gelernt hatten, das Beste daraus zu machen.

Pedro war ein verträumtes Kind, das Geschichten liebte und Stunden vor dem Fernseher verbrachte, der zu den ersten Luxusgütern gehörte, die die Familie sich leistete. Hier konnte er in eine andere Welt eintauchen, hier fand er Anregung für die Geschichten, die sich in seinem Kopf abspielten und in denen er jemand ganz anderes war als der kleine, schüchterne Junge, der in der Schule keine Chance hatte. Die Lehrerin bemühte sich zwar redlich, und Pedro bemühte sich seinerseits, um sie nicht zu enttäuschen, schaffte es aber nicht so richtig. Zu Hause teilte er ein Zimmer mit seinen beiden Brüdern, nirgends in der kleinen Wohnung gab es einen Platz, an dem er ungestört seine Hausaufgaben hätte machen können, und seine Eltern standen seinen Fragen genauso hilflos gegenüber wie er. Und doch ermutigten sie ihn auszuharren, und er harrte so lange aus, bis er ein Handwerk erlernt hatte.

Er liebte seinen ersten Job, war stolz auf die Geschicklichkeit seiner Hände, und erkannte schnell die Möglichkeit, sich hochzuarbeiten, ein weniger hartes Leben zu führen als sein Vater, der täglich über Rheuma und Gelenkschmerzen klagte.

Mit 22 hatte er jene Position erreicht, die ihm vorgeschwebt hatte; er war nicht mehr der Mann, der acht Stunden lang täglich physische Leistung erbringen musste, er war zum Kontaktmann für die Kunden geworden. Sein Einsatz ließ damit keineswegs nach, er arbeitete zehn Stunden und mehr, ohne sich zu beschweren, und war den Kunden gegenüber von ausgesuchter Höflichkeit und Zuvorkommendheit. Nie kam er zu spät zu einem Termin, und sein hervorragendes Organisationstalent, seine Fähigkeit, vorauszuplanen und die erforderlichen Schritte in die Wege zu leiten, erwies sich als überaus wertvoll. Er liebte die ersten Kontakte, die Entdeckung der Wohnung oder des Hauses, die renoviert werden sollten. Und auch wenn die Hauser leer waren, hatten sie eine eigene Atmosphäre. Pedro spürte das Potential, das in ihnen steckte, die unterschiedlichen Möglichkeiten, die sich den neuen Besitzern eröffneten. Doch er wusste auch, dass er ihnen seine Ideen, seine Vorstellungen nie aufdrangen durfte, und so lernte er schnell die Kunst der wie nebenbei eingestreuten Bemerkungen, die die Entscheidung der Besitzer in seinem Sinne beeinflussen konnten. Er war bei den Kunden so beliebt wie in der Firma, was ihn nur dazu anstachelte, noch mehr von sich in seine Arbeit zu investieren.

Doch da gab es noch einen anderen Grund. Als er von zu Hause ausgezogen war, hatte er die kleinste und bescheidenste Wohnung gemietet, die er finden konnte. Denn er wollte sparen, so wenig Geld wie möglich für die täglichen Dinge ausgeben, um sich eines Tages auch eines dieser Hauser leisten zu können, die er immer nur in seiner Funktion als Handwerker betrat. Auch für sein Äußeres gab er so wenig wie möglich aus, lief immer in seinen ausgelatschten schwarzen Hosen und seiner abgewetzten Lederjacke herum, das fettige Haar etwas zu lang und die Schuhe staubig von den Baustellen.

Die wenigen Freundinnen, die er bisher gehabt hatte, hatten schnell aufgegeben. In seiner Sparsamkeit sahen sie Geiz, in seinem bescheidenen Äußern Nachlässigkeit, und in seiner Ablehnung, Geld für Discos und Restaurants auslugeben, mangelndes Interesse an ihrer Person. Nicht mal ein eigenes Auto hatte er, in dem man einen Ausflug hatte machen können; am Tage fuhr er den Lieferwagen seiner Firma und ansonsten nahm er den Bus.

Und wo hätte man sich auch lieben können, da er niemanden mit in seine schäbige Wohnung nahm, und die Mädchen, mit denen er auszugehen versuchte, oft noch bei ihren Eltern wohnten?

Das alles änderte sich auf einen Schlag, als er Carlotta kennen lernte. Ihre fröhliche, unkomplizierte Art, ihr herzhaftes Lachen, die totale Abwesenheit von Ansprüchen an ihn faszinierten Pedro. Carlotta weckte wieder den kleinen, verträumten Jungen in ihm, den Helden seiner erfundenen Geschichten, den Prinzen, der sich in dem Frosch versteckte, in den er sich in seiner Arbeitswut und seiner Zielstrebigkeit verwandelt hatte.

Für Carlotta ließ er sich die Haare schneiden, kaufte sich eine neue Hose, eine richtige Weste und sogar ein weißes Hemd. Und für sie erfand er das schönste Spiel, das er je erfunden hatte.

"Lass dich überraschen", sagte er an dem Abend, als ihnen klar war, dass sie zum ersten Mal miteinander schlafen würden. Und er entführte sie in ein wunderschönes Haus, stilvoll eingerichtet mit antiken Möbeln und kostbaren Bildern. Die Bewohner weilten für sechs Wochen im Ausland, während denen seine Firma Renovierungsarbeiten durchführen sollte. In seiner alten Tragetasche hatte er eine Flasche Champagner und ein paar Becher versteckt, die er nun, gemütlich mit Carlotta auf dem Perserteppich in dem großen Wohnzimmer sitzend, auspackte. Es gelang ihm, die Flasche zu öffnen, ohne auch nur einen Spritzer auf dem Teppich zu hinterlassen, und als sie anstießen und Carlotta ihm tief in die Augen sah, wusste er, dass dies der Blick war, der aus dem Frosch wieder einen Prinzen machte. Glücklich und zufrieden schlichen sie sich um Mitternacht wieder aus dem Haus.

Ganz anders war die Wohnung, zu der er am folgenden Wochenende den Schlüssel hatte. Ein Yuppie-Penthouse aus Chrom und Glas, mit allen nur erdenklichen Haushaltsgadgets und von einer strengen, fast kalten Eleganz. Und während er mit Carlotta die Wohnung besichtigte, gerieten sie ins Schwärmen, erzählten einander, welch tolle Wohnung auch sie eines Tages haben würden, wie sie sie einrichten und wie sie darin Gäste empfangen würden.

Manchmal entführte Pedro Carlotta auch in ein leerstehendes Haus, schaltete die Heizung ein, und während die Hitze sich langsam ausbreitete, legte er eine Decke auf den Boden, auf der sie Wein oder Champagner tranken, Brötchen aßen, sich liebten und sich vorstellten, wie sie diese Wohnung einrichten würden.

Monate vergingen so, und Carlotta schien fasziniert von den immer neuen, immer anderen Möglichkeiten, zu denen er den Zauberschlüssel besaß. Wenn er bei Carlotta war, wusste er, dass er tatsächlich ein Prinz war, und jede Einrichtung, die sie für einander erfanden, war Teil des Traumes, der eines Tages für sie Wirklichkeit werden würde. Das zumindest schien Carlotta zu glauben, während Pedro um nichts in der Welt seine derzeitige Situation verändert sehen wollte. Das hier war das Märchen, das er mit Carlotta teilen wollte, ein Märchen mit tausend verschiedenen Möglichkeiten, ein Märchen voller Sehnsüchte und Versprechen, ein Märchen, in dem er jede Persönlichkeit annehmen konnte, die er am Tage im Kontakt mit den Kunden entdeckt hatte. Kein Wochenende war wie das andere, er wurde zum Schauspieler in jeder Gesellschaftsschicht, in jedem Milieu. Pedro war noch nie so glücklich gewesen.

Carlotta auch nicht, denn sie hatte beschlossen, aus ihren Träumen eine eigene Wirklichkeit zu machen, heimlich, ohne Pedro ein Wort davon zu verraten. Bis zu jenem Wochenende, an dem sie ihm mitteilte, dass sie diesmal den Schlüssel zu ihrem Liebesnest hätte.

Und sie führte ihn in die Wohnung, die sie vor einem Monat gemietet und mit sehr viel Liebe eingerichtet hatte. Pedro war sprachlos, stand nur da und erfühlte die Atmosphäre, die sie geschaffen hatte. Erfühlte ihre Absicht und ihre fraulichen Träume und Pläne. Und liebte sie, wie er sie noch nie geliebt hatte.

Am nächsten Morgen war er verschwunden. Carlotta sah ihn nie wieder.

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