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Josiane Kartheiser (I)
 

Das Seepferdchen

 

Wann hört man auf, das Leben wie einen knackigen Apfel zu empfinden, in den man mit kräftigen Zähnen hineinbeisst, von dem man nicht genug kriegen kann und von dem immer noch etwas übrig bleiben sollte, für den nächsten, mit Ungeduld erwarteten Tag?

Wann hören sie auf, die magischen Momente, wo es wie ein Wunder scheint, dass man da ist, in diesem präzisen Augenblick, und das Leben da ist, und die Welt, und diese unglaubliche Komplexität, die allem Leben und allem Tun zugrunde liegt? Jene magischen Momente, in denen man genau weiß, was man tun muss, damit dieses Leben, das da vor einem liegt, ein gutes Leben wird. Ein Leben, auf das man am Ende zurückblicken kann mit dem Gefühl, es richtig gemacht zu haben, seine Zeit auf Erden nicht vergeudet zu haben.

Doch diese magischen Momente setzen eine bestimmte Form von Begeisterungsfähigkeit und Zukunftsglaube voraus, von Liebe ganz sicher, von Energie und Intensität, von Risikobereitschaft auch. Und dann schiebt si ch eine dunkle Wolke vor die Sonne, und egal welcher Art diese Wolke, sie bedeutet das Ende der Magie, und die Welt wird wieder zur realen Welt, die nichts weiß von den Welten in unserem Kopf, in unserem Bauch.

Aber ich weiß, dass es sie gegeben hat, diese magischen Momente, in denen alles, alles möglich schien. Ich erinnere mich an den Geruch der Erde nach einem sommerlichen Gewitter, als wir sehr klein waren, als wir wieder hinaus durften zum Spielen, während auf dem Küchentisch noch die papierenen Männchen lagen, die wir aus Broschüren und Werbeprospekten ausgeschnitten hatten, während es draußen donnerte und blitzte. Die Welt sah aus wie frisch gewaschen, wie neu erschaffen, und vor uns lag ein ganzes Leben, mit diesem speziellen Geruch und diesem kindlichen Gefühl von unerschöpflichen Möglichkeiten.

Ich weiß, dass es sie gegeben hat, diese magischen Momente, auch später noch, in der Pubertät. Auch hier gibt es eine konkrete Erinnerung, konkreter als alle Erinnerungen an die endlose Ode und Langeweile, die die damalige Jugendzeit zwischen konservativer Schule, ereignislosem Landleben und der Genervtheit pubertärer Auflehnung charakterisierte. Da war der Wald, in den man flüchten konnte, mit elterlichem Segen, weil man den Hund mitnahm, und der einem manchmal ganz allein zu gehören schien. In dem man nachdenken und wieder Distanz gewinnen konnte, in dem man sich selbst eine Zukunft versprechen konnte, die so ganz anders sein würde, als diese abhängige, von Autoritätspersonen und der allgemein vorherrschenden Spießbürgerlichkeit diktierte Realität. Und dann konnte es geschehen, dass dieses Gefühl plötzlich da war , diese totale Einheit mit der Welt und dem Leben, dieser zutiefst beglückende Augenblick, in dem man wusste, dass da mehr war, als man bislang gefunden hatte, und dass es, irgendwann in der Zukunft, bloss darauf wartete, dass man hineinbiss, mit kräftigen Zähnen, dass man das Stück herausbiss, das einem am besten schmeckte, und nachher vielleicht auch noch den Rest aß, weil bei einem solchen Apfel auch der Rest schmeckt.

Ein paar Jahre später hatten sie sich verändert, diese magischen Momente. Es gab sie immer noch, aber sie standen im Zeichen der Liebe und ihrer Bereitschaft, das zu ignorieren oder zu zerstören, sich über das hinwegzusetzen, was der Liebe im Weg stand. Die kindliche Unschuld war verloren gegangen, die Liebe bedeutete Auswahl und eine gewisse Form der Rücksichtslosigkeit.

Und doch gab es immer noch die anderen Augenblicke, in denen wieder alles möglich schien, die noch junge Ahnungslosigkeit und Naivität, die Bereitschaft, jeden Augenblick zu neuen Horizonten aufzubrechen, das bisherige Leben einfach, ohne jedes Zögern, gegen ein neues, spannenderes, auszutauschen. Derweil erzählte die Wirklichkeit schon eine andere Geschichte, hatte die Welt, diese verführerische, begehrenswerte, längst angefangen, Beschränkungen und Grenzen aufzubauen, Verpflichtungen und Verantwortlichkeiten anzusammeln, die nicht nur den Spielraum einengten, immer mehr, und das Potential der Möglichkeiten reduzierten, sondern auch im Kopf und im Gefühl ihre zerstörerische Arbeit zu tun.

Und eines Tages stellte man fest, dass man nicht mehr bereit war, noch am selben Abend nach Australien auszuwandern, dass sogar ein Wochenende irgendwo in der Nachbarschaft ein solches Mass an Logistik erfordert hätte, dass man lieber gleich darauf verzichtete.

Das Leben hielt noch immer so manche Versprechen bereit, bewies noch immer, dass es sie zu erfüllen vermochte, wenn man nur genug kämpfte und immer wieder und immer häufiger lange Durststrecken in Kauf zu nehmen bereit war.

Die Verletzungen im Kopf merkte man kaum, nur manchmal wunderte man sich über die Trauer, oder auch nur über die Lustlosigkeit, die sich eingeschlichen hatte, wunderte man sich darüber, wie die Abenteuerlust durch ein Gefühl der Wiederholung ersetzt wurde. Die Verletzungen der Gefühle waren schwerwiegender, zerstörtes Vertrauen lässt sich nicht wieder flicken und breitet sich aus wie eine Lähmung.

Und irgendwie ist zwischendurch, auch weitgehend unbemerkt, noch anderes verschütt gegangen. Plötzlich taucht der Mensch, der einmal war, als Erinnerung auf, und man stellt überrascht fest, ja, 50 war ich einmal, wie komisch, wie absolut erstaunlich, ich habe das gar nicht mehr gewusst, und da waren all die Dinge, die ich getan, und all die Dinge, an die ich geglaubt habe, und eines Tages waren sie einfach weg, und ich habe sie nicht einmal vermisst, habe nicht einmal gemerkt, dass sie verschwunden waren.

Die Erkenntnis ist traurig, ein bisschen rührend vielleicht, und schon will die Aufmerksamkeit wieder irgendeiner Pflicht, irgendeiner Verantwortung, die man im Grunde gar nicht will, zugewendet werden, und man vergisst wieder die kurze Begegnung mit dem früheren Selbst. Und eines Tages weiß man, schockartig, dass man jede Menge Dinge, die man immer nur und immer noch in der Zukunft gesehen hat, gar nicht tun wird, und das Wort "nie" ist so vernichtend, dass es einem beim ersten Mal den Atem verschlägt. Ich werde nie Tänzerin werden, ich werde nie einen Sohn namens David haben und überhaupt könnte ich sie gleich vergessen, die Lieblingsvornamen für die Kinder, die ich nie gebären werde.

Und nicht nur die Gefühle sind schwerer geworden, auch der Körper hat seine Leichtigkeit verloren. Das hat nichts zu tun mit Gewicht, das spielt sich ab im Kopf, wie das meiste. Das Kränkeln verdrängt man noch, dazu ist der Kopf noch nicht bereit, aber die Trauer lässt sich nicht ganz verscheuchen, auf jeden Fall nicht immer.

Und doch gibt es, immer noch, magische Momente. Sie sind nicht mehr unbedingt in die eigene Zukunft eingebunden, sondern in die menschliche Zukunft allgemein. Das Fortschrittspotential muss nicht zu Kulturpessimismus führen, manchmal vermittelt es auch dieses Gefühl von Abenteuer, das man so lange nicht mehr gehabt hat, und man stellt test, wie alle Generationen vorher, dass man zu früh geboren wurde. Und man glaubt, fälschlicherweise wie man gleichzeitig weiß, dass das eigene Leben ein ganz anderes, ein besseres geworden wäre, wenn man nur später zur Welt - zu dieser neuen, faszinierenden Welt - gekommen wäre.

Aber das Misstrauen und der Zynismus, die in all den Jahren, nein, es sind inzwischen Jahrzehnte, gewachsen sind und sich im Kopf breit gemacht haben, reagieren sofort, warten auf mit erschreckenden Meldungen über die Negativaspekte, über die volkswirtschaftlichen, die psychosozialen Auswirkungen, über die Gewalt, die Gier und den Egoismus dieses Fortschritts, die uns menschlich wieder dorthin zurückwerfen, von wo aus wir vor so langer Zeit aufgebrochen waren, um es besser zu machen.

Also keine magischen Momente mehr, nie mehr? Kein Glaube mehr, kein Vertrauen mehr, kein Gefühl mehr für dieses atemberaubende Einssein mit der Welt und dem Leben? Mitnichten!

Denn da gibt es ein Seepferdchen, ein kleines, wunderschönes, ahnungsloses Seepferdchen. Es lebt in London, jener Stadt, die mir seit Jahrzehnten als Zufluchtsort und Energiereservoir dient. Jener Stadt, die allein mir das Gefühl von Zugehörigkeit vermittelt, nach dem ich ein Leben lang auf der Suche war. Auch eine dieser Ironien, dass man sein Leben an einem bestimmten Ort lebt, und sich nur an einem andern Ort zu Hause fühlt, an dem man nie zu leben versucht hat - um nicht auch diesem Ort den Zauber zu nehmen. Ein einziger Ort sollte jene Ausstrahlungskraft behalten, die einmal die ganze Welt zu besitzen schien. Ein Ort für die Seele, falls es sie denn gibt.

Es war einer jener Tage, an denen ich meine Bekanntschaft mit der Stadt ausdehnte, diesmal auf die Kew Gardens. Fast dreißig Jahre lang war ich in diese Stadt gekommen, ohne mir auch nur einmal die Kew Gardens anzusehen. Und dann, im tropischen Gewächshaus, musste ich feststellen, dass ich nicht sehen konnte: zu wenig ohne Brille, um Einzelheiten zu entdecken, die Tausenden von Strukturen einer mir unbekannten Vegetation, und mit Brille überhaupt nichts, weil das Glas durch die künstliche tropische Feuchtigkeit auf der Stelle beschlagen war. Dieser ganze Aufwand, diese ganze Erwartung, um jetzt wortwörtlich nichts sehen zu können.

Um zu retten, was von diesem Entdeckungsversuch zu retten war, stieg ich hinab in die unterirdische AIgenwelt. Und hier, in einem der Aquarien, wartete das Seepferdchen. Es wickelte seinen kleinen Schwanz um eine Pflanze, hielt sich daran fest, richtete sich in seiner ganzen, winzigen Schönheit auf, wickelte das Schwänzchen wieder los, bewegte sich leicht, und fing wieder von vorne an.

Und plötzlich, aus heiterem Himmel, gab es wieder, nach jahrelanger Dürre, einen dieser magischen Momente. Einen dieser Momente, die in der Erinnerung nach feuchtem Boden riechen und an die Sonne denken lassen, die ihren Weg durch das Waldlaub finden, einen dieser Momente wunderbarer Einheit mit der Welt, die für einen kurzen Augenblick genau richtig scheint wie sie ist, mit ihrem endlosen Versprechen von intensiv gelebtem, intensiv erlebtem Leben.

Es war mein erstes Seepferdchen, und das war an sich schon ein Geschenk. Nach all diesen Jahrzehnten, in denen es so viel zu sehen gab, war da plötzlich zum ersten Mal, völlig überraschend, ein Seepferdchen, ein echtes, lebendes, in seiner ganzen, erstaunlichen Schönheit und Feinheit.

Aber das eigentlich Verrückte war dieser kurze Augenblick der Einsicht in das endlose, kompakte und komplexe Netz von Ursachen und Wirkungen, das mich nach diesen Jahren der Suche und des Wiedervergessens zu diesem Moment an diesem Ort zu diesem Seepferdchen geführt hatte. Dieser kurze Augenblick, in dem alles, die unzähligen großen und kleinen Entscheidungen, das ewige Vor und Zurück des Lebens, die nie aufhörende Auseinandersetzung zwischen Hoffnung und Trauer, zwischen Zielstrebigkeit und dem Wissen um die Sinnlosigkeit und Eitelkeit menschlicher Unternehmungen, irgendwie zusammenkam. Plötzlich in all seinen Verästelungen einen Sinn bekam. Wieviele Entscheidungen hatte ich im Leben getroffen, wievieler Initiativen hatte es bedurft, damit ich hier, an diesem Tag, in einem tropischen Gewächshaus vor einem Aquarium stand, in dem dieses Seepferdchen, mein ureigenes, ganz besonderes und ganz persönliches Seepferdchen ahnungslos sein Schwänzchen um eine Schlingpflanze wickelte. Wievieler Zufälle – sofern es Zufälle gibt – hatte es bedurft, um hier, in dieser riesigen Metropole, einem Seepferdchen zu begegnen, dessen Winzigkeit in so absurdem, absolut rührendem Kontrast zu den Dimensionen der Stadt stand.

Die Erinnerung an dieses Seepferdchen ist eine der kostbarsten Erinnerungen an diese Stadt, in der ich irgendwie noch immer, erstaunlicherweise, zu Hause bin, obschon ich nie dort gelebt habe. Die Begegnung war einer dieser absolut magischen Momente, in denen man die Unglaublichkeit des Lebens in ihrer ganzen Dimension erfasst.

Das eigentlich Wunderbare aber war die Erkenntnis, dass dieses Staunen, diese Lebensgier, diese Lust hineinzubeissen wie in einen Apfel, trotz allem Pessimismus, trotz der ganzen Harte der Realität, nie verloren gehen wird.

Dass es immer wieder Kinder geben wird, die trunken sind vom Geruch der nassen, warmen Erde nach einem Gewitter, vom plötzlichen Frieden eines sonnendurchdrungenen Waldes, von der unerwarteten Begegnung mit ihrem ureigenen Seepferdchen.

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