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Georges Hausemer (II)

Was weiß ich schon
Splitter aus Indien


Zunächst der Geruch! Dieser Geruch, der uns in den nächsten Wochen nicht mehr loslassen wird. Süß, modrig, nach Aas, Pisse, Räucherstäbchen, Fett und Asche. Nach Blütenstaub, überreifen Bananen, brakig, ölig, milchig, nach feuchter Erde, faulen Wurzeln. Dieser Geruch! Und die erwartungsvollen, düster strahlenden Gesichter am Ausgang des flachen, muffigen Flughafengebäudes. Den Fremden eine schmale Schneise geschlagen, die Einheimischen hinter metallene Absperrungen verbannt. Kaum zehn Meter später verschmelzen sie miteinander, unausweichlich. (Ankunft in Trivandrum)

Eine Gruppe junger Männer. Sechs, sieben oder acht. Mit sonderbaren Augen. Ihre Stimmen, eine Mischung aus Klagegesang und wütenden Schreien, Schreien, Schreien. Einer hält sich am andern fest. Auf unsicheren Beinen staksen sie dahin, als würden Eisenketten sie aneinander fesseln und ihnen in die Knöchel schneiden. Blinde Bettler, verzweifelte Heilsverkünder. Seltsam, wie gekonnt sie den Schlaglöchern der Straße, den kreuz und quer übereinander liegenden Bürgersteigplatten ausweichen, dem Sturz in die Abwasserrinne im letzten Moment immer wieder entkommen. Gegen halb sieben, als es bereits stockdunkel in Kottayam ist, begegne ich der Gruppe ein zweites Mal. Einer der Burschen hat eine Taschenlampe dabei. Er schaltet sie ein und aus, ein und aus, als würde er jemandem Zeichen geben. (Signale in Kottayam)

Aus der Nacht tauchen immer mehr Menschen auf. Die meisten sind barfuß, einige steigen aus Dreiradtaxis und tragen Brillen mit dicken Gläsern und Horngestell. Andere schlagen sich mit einer leeren Mineralwasserflasche auf den Kopf, die Schultern, die Oberschenkel. Niemand spricht. Nur dieser hohle Klang. Und das Knattern der ankommenden und abfahrenden Motorrikschas. Die blauen Abgaswolken. Blau und schmutzig wie die Nacht. Dann der Regen. Überfallartig. Bis zum Hotel sind es nur wenige Kurven. In den schmierigen Seitenstraßen brennen kleine, schwächliche Feuer. Das Eisengitter vor dem Hotel ist bereits geschlossen. Der Nachtportier tritt gerade mit der nackten Ferse seine Zigarette aus. Als er das Gitter geöffnet hat, zuckt seine steife Hand blitzschnell an die Stirn, den nicht vorhandenen Schirm der Mütze, die er nicht auf hat. Von fern brüllt eine unsichtbare Kuh. (Nacht, Knattern, Regen)

Aus dem Schatten tritt Babu, der im Sri Anantha Padmanabhaswamy-Tempel lebt. Babus nackter Oberkörper, sein Bart, der orangene Punkt auf seiner Stirn, sein mit lauter grellen Luftballons bedruckter Regenschirm, der lässig über seiner Schulter lehnt. Sri Anantha Padmanabhaswamy - ich kann mir den Namen des Tempels einfach nicht merken. Auch nicht, wo er steht: in Thiruvananthapuram, dem Ort der heiligen Schlange, die Anantha heißt. Aber Babu, Babu ist in diesem Teil Indiens ein durchaus geläufiger Name. Seltener sind bunte Regenschirme. (Babu)

Was weiß ich schon von den abertausend Göttern im Himmel der Hindus. Doch ich bin glücklich über die Unerschöpflichkeit dessen, was zu erfahren ist. All die Kerben und Rundungen, all die Blicke, die dem Betrachter folgen, sogar von Gemälden in alten niederländischen Palästen, die in Südindien verfallen. (Nach S. Röckel, aber nicht in Shanghai)

Der Fahrer heißt Thomas. Für die rund neunzig Kilometer lange Strecke von Sreekandamangalam nach Kottarakara werden wir zwischen zwei und drei Stunden benötigen. Doch schon kurz nach der Abfahrt hält Thomas plötzlich an, vor einer kleinen Kirche aus gekalkten Backsteinziegeln. Dort steht, direkt an der Straße, ein marmornes Gefäß, in das der Fahrer einige Geldmünzen wirft, dann kurz niederkniet und sich bekreuzigt. Zwei Stunden und zwanzig Minuten später erreichen wir unser Ziel. Dort regnet es und ist 32 Grad warm. Noch am selben Tag fährt Thomas nach Sreekandamangalam zurück. Wir werden nie wieder von ihm hören, ihn nie wiedersehen. (Taxi nach Kottarakara)

Da steht die Kuh. Und daneben der Hirte, barfuß, mit nacktem Oberkörper und einem großen, schwarzen Regenschirm in der Hand. Die Rippen der Kuh kann man zählen. Ihr Atem geht gleichmäßig, ob es blitzt, donnert oder im nahen Fluss der Wasserspiegel steigt. Es regnet seit drei Tagen und drei Nächten. Die tropische Natur ist in Ekstase. Der Hirte steigt von einem Fuß auf den andern. Standbein, Spielbein. Die Kuh senkt demütig den Kopf. Die Tropfen perlen vom Rücken des Mannes, als sei er mit einer Wachsschicht überzogen. Auch die Rippen des Hirten kann man zählen. Am nächsten Morgen regnet es immer noch. Neben der Kuh steht ein Jeep bis zur Achse im Schlamm. Vom Fahrer keine Spur. (Tropischer Regen)

Nipin, der Hotelportier, hat jetzt keine Zeit, den Zimmerschlüssel in Empfang zu nehmen. Er ist gerade an dem kleinen Altar beschäftigt, den er neben der Rezeptionstheke aufgebaut hat. Eine Krishna-Statue aus falschem Silber, Schälchen mit rotem, gelbem und grauem Pulver, ein winziger Bronzeständer, in dem mehrere Räucherstäbchen brennen. Minutenlang steht Nipin davor, regungslos. Nur gelegentlich nickt er unmerklich mit dem Kopf. Um die Bewegungen seiner Lippen zu erkennen, muss man schon genau hinschauen. Oder das Zittern seiner linken Augenbraue. Krishna bringt Glück über das Haus und seine Bewohner. Joola, die junge Tamilin, kehrt mit einem Reisigbesen die Zimmer, die Treppe und den Flur. (Im Marine Palace, Kovalam)

Den Gecko an der Wand über dem Bett erschlug ich mit dem Absatz meines Wanderschuhs. Die Flecken auf der Tapete des heruntergewohnten Zimmers wäscht kein Regen mehr ab. Ganz gleich, wie unaufhaltsam er durch die Decke dringt. Ich wartete, bis der Gecko, der am Ende friedlich auf dem Kopfkissen lag, sich nicht mehr bewegte. Dann zerknüllte ich eine Zeitungsseite um seinen gelben, fast durchsichtigen Leib und warf ihn über die Balustrade in die Freiheit. (Flecken)

Schlagbaum, Grenzposten, Kokosnussverkäufer. Drei Zöllner in militärgrüner Uniform. Keiner erhebt sich hinter seinem Tisch, von seinem rostigen Stahlrohrstuhl. Jeder hält einen Stempel in der Hand. Auf drei Tischplatten jeweils drei Stempelkissen. Rot, grün, blau. Der Händler hat ein Loch in die Nuss gebohrt und einen Strohhalm hinein gesteckt, einen richtigen Strohhalm. Ein Junge bringt den Beamten Tee in beschlagenen Gläsern. Kaum hat er das Tablett abgesetzt, jagen sie ihn davon. Er setzt sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite auf einen Stapel getrockneter Kuhfladen, wartet. Die Zöllner trinken. Dann kommen zwei ältere Frauen herbei, jede hat eine Bananenstaude geschultert. Grüne, unreife Früchte, die mit einem Dolch abgehackt werden. Die Schalen fressen die Ziegen. Den leeren Kokosnüssen entweichen dumpfe Töne, wenn man hinein bläst. Endlich knallen die Stempel. Neun Stempel, neun Knaller. Der Schlagbaum geht hoch. Die Ziegen bleiben zurück, der Junge, die Straßenhändler, die Zöllner. Die Tische und Stempelkissen und Stahlrohrstühle. Die Teegläser werden stets von neuem gefüllt. (Nach Tamil Nadu)

Zufällig las ich das Wort Oktobermehl. Doch das war ein Irrtum. Tatsächlich stand in dem Büchlein Oktobermeer, doch darunter konnte ich mir nichts vorstellen. Oktobermehl aber passte beim Anblick der Fassaden von Cumbum. Sie waren mit dunkelgrauem Staub bedeckt und hatten Löcher, in denen sich die letzte Hitze des Sommers staute. (Fahrt durch Cumbum)

Die Feuchtigkeit des Morgens, des Tages. Die Feuchtigkeit des Abends, der Nacht. Gut, dass es den Schweiß gibt, den Menschenschweiß. Er verhindert, dass die Haut brüchig wird, der Körper allmählich austrocknet. Unter den Tropfen sieht die Haut kränklich und blass aus, doch das sind Augentäuschungen. Hervorgerufen vom Schweiß, der von den Wimpern perlt. Gut, dass es das Salz gibt. Und die Tränen. Das Wasser, das aus dem Hahn kommt, das in sämtlichen Mulden des Körpers kleine, harmlose Pfützen bildet. (In Madurai)

Abends um halb acht auf dem nach oben offenen Dachrestaurant, in das ein schmaler, gewundener Treppenschacht führt: Weihnachtsbeleuchtung im herbstlichen Oktober. Doch die Christbäume sind in Wirklichkeit von Neonröhren bekränzte Tempeltürme, gopuram genannt. Aber das wissen wir am ersten Abend in Madurai noch nicht. So wie wir nicht ahnen, dass am nächsten Morgen Menschen in den Gassen sein werden, nicht nur Geräusche wie aus unsichtbaren Quellen. (Hotel Supreme, Madurai)

Frühes, milchiges Licht in Mannanam. Wir wandern aus der Ortsmitte zum Fluss hinunter, den Einheimischen mit ihren Schultaschen, Aktenköfferchen, Plastiktüten und chromierten Speisebehältern einfach hinterher. Am Fluss wartet das Postboot, ein hölzerner Kahn, von dem die Farbe blättert. Mit Stricken an zwei Kokospalmen gebunden. Er ist bereits gut gefüllt, doch immer noch kommen Passagiere den schmalen Pfad über ein brachliegendes Feld entlang. Zwei Uniformierte stehen da und rauchen. Irgendwann werden die Stricke an Bord geholt. Die Uniformierten gehen herum und sammeln das Fahrgeld ein. Sie halten ein quadratisches Stück Holz in der Hand, an dem mit einer Klammer bunt bedruckte Zettelchen befestigt sind. Anlegen, aussteigen, einsteigen, ablegen - das geht drei Stunden so. Ganz zum Schluss sind wir mit dem Bootspersonal allein. Der Steuermann lädt uns ein, auf das erdrote Wellblechdach zu steigen. Die Luke ist eng, doch es gibt gute Gründe, dort oben zu sitzen. Um beispielsweise festzustellen, dass wir nicht in diese Gegend passen. (Bildstörung)

Zuerst die Stimme des Muezzin, dann die Glocken der nahen Kirche der Theresia von Lisieux. Was folgt, klingt wie indische Popmusik, aus hemmungslosen Lautsprechern, die, ungefragt, das ganze Dorf bedienen. Zehn, vielleicht zwanzig Minuten lang wird alles das schließlich von der allmorgendlichen Urwaldsinfonie übertönt. Am Ende, Stunde um Stunde, bleiben bloß die Sonnenstrahlen, die der feuchten Erde einen knisternden Gesang entlocken. Bis sie trocken ist und ebenfalls schweigt. (Tagesanbruch in Sreekandamangalam)

Die Bilder des Tages haben alle Träume verdrängt, die Nacht ist bloß dunkle Leere und der Lärm unsichtbarer Dschungeltiere. Häufig regnet es. Unser Zimmer besteht aus Gittern, ein Raum allein aus vergitterten, aber glaslosen, scheibenlosen Fenstern. Das Bett ist von einem Mückennetz umgeben, darunter liegt es sich frei, doch in der Matratze, den Leintüchern, Decken und Kissen nistet eine stete, übel riechende, klebrige Feuchtigkeit. Ich kann mich an keinen einzigen Traum aus dieser Zeit erinnern, nie morgens und auch später nicht. (Im Urwalddorf)

Dort fließt der Pennar, der Fluss der Frauen. Doch ich bezweifle, ob Mathews Übersetzung die richtige ist. Zum einen steht er, der Fluss, und unter den wuchernden Pflanzen ist nicht einmal Wasser zu erkennen. Zum andern sehen die nackten, hoch aufragenden Betonpfosten höchstens wie Brückenpfeiler aus, obwohl die Brücke noch fehlt. Auch von Frauen weit und breit keine Spur. Nur einmal schreit das Kapuzineräffchen laut auf, das Varas, der Fischer, in einem Maschendrahtkäfig gefangen hält. Es lebt streng vegetarisch, sagt Mathew, frisst weder Fleisch noch Fisch. (Mit Mathew am Pennar-Fluss)

Athirampuzha heißt das Dorf, nach dem die Gemeinde benannt ist. Sie besteht aus vierzehn Ortsteilen, die, wie wahllos im tropischen Wald verstreut, ohne erkennbare Grenzlinien ineinander übergehen. Am Rande von Athirampuzha gibt es einen Teich, von dessen Ufern die Fischer ihre Netze ins senfbraune Wasser werfen. Ein stinkender Tümpel. Kein einziges Mal sah ich einen Fisch in den tropfenden Maschen zappeln. Doch abends, bei Kerzenlicht, werden prächtige Exemplare aus blauen Plastikkisten verkauft. Das Meer liegt achtzig Kilometer westlich, die Reise dorthin dauert, egal mit welchem Transportmittel, mindestens zwei Stunden. In Athirampuzha gibt es ferner einen Videoladen, vier Friseure, zwei Taxistände - einen für Motorrikschas, einen für Autos der Marke Ambassador -, unzählige Verkaufsstände, Garküchen, einen Reishändler, der sechzehn verschiedene Sorten in seiner Auslage präsentiert. In jedem Schüsselchen steckt ein handschriftliches Schildchen in Malayalam, der Sprache Keralas. Ich habe mir die Namen auf englisch übersetzen lassen und trotzdem nichts verstanden. (Südlich, landeinwärts)

Meine Geschichte vom Äquator ist noch nicht geschrieben, doch nie war die Entfernung kürzer. Ich hielt bereits den Stift in der Hand, das Blatt lag bereit, die Sonne ging unter, kurz nach sechs, wie an 365 Tagen im Jahr. Da roch ich die im Sand trocknenden Silberfische und zögerte vor dem nächsten, dem entscheidenden Schritt. Stattdessen entstand die Geschichte vom Mann, der an ein und demselben Tag in drei Meeren schwamm. (Am Kap Komorin)

Neben sich stehen. In einen schönen, schrecklichen, unverständlichen Film geraten sein. Nicht dazugehören. Nichts an sich heranlassen. Nur das sehen, was man an sich heranlassen will. Nur sehen, was sich einem widersetzt. Kämpfen. Sich in Schutz nehmen. Ausweichen. Sich zurückziehen. Abstand nehmen. Nicht wissen, was man sagen soll. Denken soll. Nichts wissen. Nicht begreifen. Nichts wissen und nichts begreifen wollen. Sich nirgendwo festhalten können. Abreisen, entkommen, sich nicht lösen können. (Fremd wie der Mond)

Der Straßenhändler liest in einem Buch. Die Passanten gehen vorbei. Der Straßenhändler sitzt dort, wo ein Bürgersteig sein könnte. Auf der Fahrbahn, Stoßstange an Stoßstange: Busse, Lastwagen, Kombiwagen, Pkws. Dazwischen Fahrräder, Motorradtaxis, Rikschas, Mopeds, hier und da ein Fußgänger. Der Straßenhändler blättert eine Seite um. Vor ihm am Boden, ein blaues Plastikrechteck: seine Auslage. Auf dieser zerknitterten Verkaufsfläche: zwei Streichholzschachteln, ein winziges Kofferradio, bunte Schraubenzieher im Fünferpack, zerkratzte Musikkassetten, eine Zange mit roten Griffen, ein Regenschirmetui, drei Bananen, ein Krückstock, eine Sanduhr, eine Swatch-Uhr, eine Schachtel mit vier Buntstiften, ein Taschenrechner mit fluoreszierenden Tasten, Batterien verschiedener Größe, ein Herrengürtel, eine Nagelfeile, ein Bleistiftspitzer, japanische Comichefte, englische Kriminalromane. Eine Frau trägt ihr Kind über die Straße. Der Straßenhändler liest, ohne den Kopf zu heben. Die Passanten gehen vorbei, ohne ihn, ohne seine tausend traurigen Dinge zu beachten. (M. G. Road, nachmittags)

Imbissbuden auf Gummireifen. Vor den Geschäften rauschen Dieselmotoren. In den Geschäften brennen Kerzen und Räucherstäbchen. Ladentheken verschwinden unter glitzernden, knisternden Stoffbahnen. Verkäuferinnen halten sich beim Grinsen die Hand vor den Mund. Schwarzes Haare fließt über schmale Schultern wie lose Fäden aus Seide. In Teig gewickelte Bananen brutzeln in trübem Fett. Das Licht wohnt in einem Kellerloch. Reklametafeln halten die Mauern um das Sportstadion zusammen. Steine und Eisenstangen halten die Dachziegel an ihrem Platz. Weiter hinten ein Baukran, bereit zum großen Sprung. Imbissbuden rollen von selbst die Straße hinab. In Bahnhofsnähe drosseln die Busse ihre Geschwindigkeit, damit die Passagiere während der Fahrt auf- und abspringen können. Wer einen Fensterplatz erwischt, hält sich an einer der dicken, horizontalen Gitterstangen fest. Bei Regen werden die Blechrolls heruntergelassen. Die meisten Verkäuferinnen traben barfuß in den Feierabend. Sie kommen an alten Männern vorbei, die ihre schadhaften Gebisse zeigen und einzelne Schuhe verkaufen. Alte Frauen zupfen ihren Umhang zurecht. Imbissbuden rollen über Ziegel, die aus Fassaden gebrochen sind. In den Geschäften erlischt die Musik. Die frittierten Bananen kühlen ab. Kalte, in dunkel gefleckten Teig gewickelte Bananen sind schwer verdaulich. Schwarzes Haar wird zu Knoten gebunden und wie ein Schal um den Hals gelegt. Die Busse bremsen immer seltener. Bald gibt es Sitzplätze für alle. Neben den Gleisen kommen die rollenden Imbissbuden zum Stehen. Noch haben die Frauen nicht alle Fassadensteine zerkleinert. Abends ähneln die Lokomotiven großen, dunklen Tieren, die hungrig aus dem Dschungel schleichen. Zum Schluss werden die Bananen von zufällig vorbeikommenden Ziegen gefressen. Oder von Kühen, die heilig sind und trotzdem nur aus Haut und Knochen bestehen. Wer nicht Acht gibt, dem werden die Hände, die blanken Knie, die nackten Knöchel und Zehen abgeleckt. Wer stehenbleibt, kommt heute später oder gar nicht mehr heim. Nachts sind die Straßen mit dem Arabischen Meer verwandt. (Kein Traum)

Letzte Tage in Trivandrum. Jeden Moment kann es zu regnen beginnen. Gleich nach der Ankunft haben wir einen Popy-Schirm gekauft. Nach dem Frühstück am vorletzten Tag gehen wir die kilometerlange Mahatma Gandhi-Straße hinauf Richtung Zoo. Vorbei am Connemara-Markt. Hinter dem hohen Torbogen ist das Gewimmel noch größer als auf der M. G. Road. Frauen, die am Boden sitzen. Frauen, die auf Betonsockeln hocken, inmitten toter, milchäugiger, von Fliegen umschwirrter Fische. Frauen, die mit winzigen Reisigbesen durch Blut- und Regenpfützen wischen. Platt getretene Kothaufen. Farblose Fleischstücke, die an rostigen Haken hängen. Körbe, mit angefaultem, bereits verdorbenem Gemüse gefüllt. Weiter hinten, in einer Senke, ein riesiger Müllhaufen. Darauf Krähen, Raben. Davor Ziegen, die an organischem Abfall, an verbeulten Plastikeimern und besudelten Plastiklatschen knabbern. Pissende Hunde. Kühe, die achtlos über leere Kokosnussschalen trampeln. Blaue Planen, aus Fetzen zusammengenäht und über die Stände und Durchgänge gespannt, als Sonnen- und Regenschutz. Am letzten Tag, morgens um fünf, bringt der Bus uns zum Flughafen. Der Wollpullover liegt in der Reisetasche ganz oben. (Trivandrum Ende Oktober)

(erstveröffentlicht in Galerie - Revue culturelle et pédagogique, Nr. 4/1999 ,17. Jahrgang, Differdingen 1999, S. 521-533)


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