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Georges Hausemer (I)

Geschwister

In einem Sonntag im August wurde ich gefressen. Zuerst die Ohren, dann die Nase, später die Hände, die Arme, die Schultern. Zuletzt verschwand mein Kopf mitsamt Augen und Haaren. Dabei hatte ich so gut wie gar keine Haare mehr, auch meine Finger waren schon ganz dünn und knochig geworden, braune Flecken übersäten die Haut über den Adern.

Zuvor hatte man mich in eine alte, verblasste Gardine gewickelt, eine Weile gewartet und meinen leblosen Körper anschließend wieder aus dem Stoffstück befreit. In diesem Moment war ich noch nahezu unversehrt, doch ich konnte mich an nichts mehr erinnern.

Ich hatte keine Geschwister. Falsch, vor etlicher Zeit hatte ich einen Bruder, aber nie eine Schwester. Jahrelang, auch als ich längst keine kurzen Hosen mehr trug und mir die Fingernägel schon selber schnitt, wünschte ich mir nichts sehnlicher als eine Schwester. Dann lernte ich die Tochter eines Teppichhändlers kennen. Mein Bruder starb, als er noch jung war und kopfüber von einem Apfelbaum sprang. Leider vergaß er, die Arme an den Ohren entlang nach vorne zu strecken, um auf diese Weise, mit weit gespreizten Fingern und leicht gewölbten Handinnenflächen, den Aufprall zu dämpfen.

Der Teppichhändler kam aus Rumänien. Er trug einen dunklen Schnurrbart, der fast einen Türken aus ihm machte. Man erzählte sich, er stamme aus einer Zigeunerfamilie, was seine Tochter stets bestritt. Ihr Vater sei eben von Natur aus üppig behaart. Er verkaufte nicht nur Teppiche, sondern auch Bettzeug, Hand- und Badetücher sowie viele andere hübsche Dinge, mit denen gewöhnlich das Innere von Häusern und Appartements ausgestattet wird. Der Name der Tochter ist mir inzwischen entfallen. Ich weiß nur noch, dass sie stolz auf ihre zweifelhafte Herkunft war und sich für Vorhänge aller Art begeisterte. In ihrer Freizeit nähte sie Stofffetzen zu langen, schmalen Bahnen zusammen, für die es eigentlich keine sinnvolle Verwendung gab. Also legte sie den Fußboden ihrer Wohnung damit aus. Oder sie hängte sie, stundenweise und vor allem bei schönem Wetter, wie Fahnen aus dem Wohnzimmerfenster. Wenn an der Fassade die bunten Streifen im Wind wehten, wusste ich, dass sie zuhause war.

Einmal schenkte ich ihr, als ich sie besuchte, eine Tüte mit Obst. Sie sagte, sie würde lieber Fleisch essen, genau wie ihr Vater. Ich sagte, heute sei der Todestag meines Bruders, nur der wievielte, das wüsste ich nicht mehr. Vielleicht, so fügte ich kleinlaut hinzu, würde er ja noch leben, wenn er meine Schwester und nicht mein Bruder gewesen und damals nicht mit dem Kopf, sondern mit den Händen voran in die Wiese gesprungen wäre. Doch ich hatte ja nun eine Ersatzschwester, auch wenn deren Vater von den Nachbarn als Zigeuner, Halsabschneider und Ganove beschimpft wurde. Seine Tochter hatte nichts dagegen, wenn ich sie besuchte, doch sie mochte es nicht, wenn ich ihr von dem Unglück unter dem Apfelbaum erzählte. Dabei hatte auch sie einen Wunsch, der, wie sie sagte, stärker war als alles andere: dass nämlich ihr Leben schnell vorüber gehe, sie nicht zu lange auf das Sterben warten müsse.

Ich gab vor, sie nicht zu verstehen. In Wirklichkeit begriff ich tatsächlich nicht, was sie meinte. In ihrem Alter. Ich erfreute mich bester Gesundheit und hatte nicht die Absicht, auf fahrlässige Weise daran etwas zu ändern. Männer sollten nicht nur den Körper der Frauen beglücken, sondern auch ihren Geist, forderte meine Ersatzschwester, als wir einmal nebeneinander auf einer der Stoffbahnen in ihrer Wohnung ruhten. Dabei blieb sie erstaunlich gelassen und lächelte mich verständnisvoll an.

Dann wurde es Sommer. Juni, Juli, Schweißmonde. So heiß, dass die wenigen mir verbliebenen Haare eines Nachmittags einfach von sich aus zu brennen begannen. Ich lehnte mit der Tochter des Teppichhändlers im Wohnzimmerfenster, wir hatten gerade die neueste Fahne nach draußen gehängt, plötzlich fing mein Kopf Feuer. Entsetzt fuchtelte ich mit den Armen, schrie und stampfte mit den Füßen. Meine Ersatzschwester aber lachte nur, ich musste schon heftig flehen, bis sie bereit war, die großflächige Wunde mit Salben und Eisbeuteln zu behandeln. Sie zwang mich auf ihr Bett, das nur eine Matratze war, diese allerdings mit den schönsten, den kostbarsten Laken und Kissen ausgestattet, die man im Geschäft ihres Vaters finden konnte. Ich bin nicht mehr Jungfrau, sondern seit jeher Wassermann, sagte ich, um meine Schmerzen zu überspielen. Darüber lachte die Tochter des Teppichhändlers dann nicht mehr. Stattdessen band sie mir mit schmalen Gürteln Hände und Füße zusammen. Um Brustkorb und Bauch wickelte sie mehrere geschickt aneinander geknotete Küchentücher. Dann stellte sie ans Kopfende der Matratze eine Uhr, die sprechen konnte. Ausgeliefert war ich, in misslicher Position. Die sprechende Uhr hatte ich vorher noch nie in der Wohnung der jungen Rumänin gesehen. Ein Geschenk ihres Vaters, behauptete sie kühn. Tatsächlich gab eine Stimme, die aus dem Inneren des Gehäuses kam, alle fünfzehn Minuten den neuesten Stand an. Es war fast schon Abend geworden, meine Ersatzschwester kniete neben mir nieder und beugte Kopf und Oberkörper weit über ihr Opfer. Sie trug ein ärmelloses Unterhemd männlichen Zuschnitts. Ich roch ihren Schweiß und den bitteren Geschmack des Hungers aus ihrem Mund. Ich konnte mich nicht mehr bewegen. Ich lag da wie mein Bruder, nachdem er vom Baum im Garten unseres Elternhauses gesprungen war, und behielt die Rumänin genauestens im Auge. Ich bat sie bestimmt, den Verband um meinen Kopf ein wenig zu lockern. Es schmerzte mir hinter der Stirn, über den Ohren, am Hinterkopf. Ich drängte sie, mir die Schädeldecke zu kratzen. Stattdessen holte sie den Rasierapparat. Ich sah, dass ihre Haut unter dem Hemdchen ganz feucht war. Sie glänzte am ganzen Leib, wie die Schuppen eines Fischs. Zum Spaß und zu meiner eigenen Ablenkung ahmte ich mit den Lippen ein wässriges Maul nach, das erstens nach Sauerstoff und zweitens nach Futterflocken schnappt. Um mich erneut zur Vernunft zu bringen, drückte die Tochter des Teppichhändlers mir ganz einfach ihre linke Faust in den Mund. In der rechten Hand hielt sie den Rasierer, der früher vermutlich ihrem Vater gehört und das Gefühl, einen Schnurrbart zu entfernen, nie gekannt hatte.

Es ist mir ernst, sagte die Täterin. Ich nickte und knurrte, mit einer Faust zwischen den Zähnen kann man bekanntlich nicht ordentlich sprechen. Verstanden wurde ich trotzdem. Und im nächsten Augenblick aufgefordert, endlich stillzuhalten. Ich tat, wie mir befohlen. Aus gutem Grund, trotz der Pein, trotz der Erinnerung an meinen geliebten Bruder.

Zuerst siehst du einen kreideweißen Feldweg, sagte meine Ersatzschwester, dann ein Stück Himmel. Während sie sprach, ließ sie den Apparat über meinen Schädel kreisen. Zwischendurch sprach die Uhr, ohne jedoch den Rasiervorgang unterbrechen zu können. Ich hatte mir bislang nur selten Gedanken über das Sterben gemacht. Wenn sie von selbst kamen, versuchte ich sie schnellstens zu verscheuchen. Ein toter Bruder genügte, ein kleines Kreuz hinter seinem Namen, der zum Teil auch mein Name war. Überdies lebten auch meine Großeltern schon lange nicht mehr. Und der Schweißgeruch wurde immer stärker. Der Kopf, der Oberkörper, der mich überbrückte, immer unsichtbarer. Ganz kurz tauchte sogar ein bärtiges Männergesicht auf, ich glaubte, die sprechende Uhr plötzlich singen zu hören. Dabei war es nur das nervöse Surren des Schneidapparats, der sich meinen Ohren näherte, sich entfernte, wieder ganz nah kam.

Zuerst also die Ohren, dann die Nase, später der gesamte verblichene Rest. Die alte Gardine lag von Anfang an bereit, ich hatte sie nicht im Geringsten bemerkt. Es gab nichts, was die Tochter des Teppichhändlers dem Zufall überließ. Einige Wochen zuvor hatten wir uns nackt auf den Stoffbahnen im Wohnzimmer gewälzt, überall lagen Kissen herum, deren Zweck ich mir einfach nicht ausmalen konnte. Wassermann! Nasser Mann! hatte meine Ersatzschwester gerufen und mich in den Nacken, den Rücken, die Oberschenkel gebissen. Ich hatte zurückgebissen, aber vermutlich nicht fest genug. Es war nicht einmal Blut geflossen, auch meinem Bruder hatte man, nachdem er vom Baum gestürzt war, nichts angesehen, keine Schramme, keine Druckstelle, nicht der winzigste Anhaltspunkt.

Nun folgte ein neuerlicher Versuch. Zuerst die Ohren, dann die Nase, später die Hände. Bei den Schultern und Armen dauerte es etwas länger. Einmal noch versuchte ich mich aufzubäumen. Es half alles nichts. Die Augen der Tochter des Teppichhändlers glänzten vor lauter Gier und Entschlossenheit. Es gab keinen Feldweg mehr und schon gar kein Stück Himmel. Nur mein Bruder, dem bloß das Kreuzchen hinter dem Namen geblieben war, fiel in die Wiese, immer wieder.

Übrig blieb zuletzt die alte, verblasste Gardine. Die sprechende Uhr war umgefallen und gab keinen Ton mehr von sich. Der Augustsonntag ging in völliger Stille zu Ende, ohne dass es jemandem auffiel. Nur meinen Eltern verblieb gar nichts, denn meine Knochen wurden in einen billigen Kunstfaserteppich gewickelt und nach Rumänien geschmuggelt.

(bisher unveröffentlicht)

 

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