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Michel
Grevis
Schwarzer Tee
– CEYLON – Galaboda, Orange Pekoe
Aus "Tee", die
Geschichte der Liese Schubiger
Das
Altenheim liegt etwas außerhalb. Ich muss anhalten und nach
dem Weg fragen. Ich fühle mich fremd und einsam unter diesem
schneeschweren Nachmittagshimmel. Der Park, der zum Heim gehört,
liegt unter einer fleckigen Schneedecke. Pfützen spiegeln die
Beleuchtung der Weihnachtsbäume am Eingang. Die überhitze
und abgestandene Luft – eine Mischung aus kaltem Kantinenessen
und Teppichbodenreiniger – schlägt mir entgegen. Die
dekorierte Feierlichkeit der Gänge wirkt fehl am Platz und
vergrößert bloß das Gefühl von Tristesse.
Ich gehe über eine Schräge ohne Stufen zum Lift. Vor dem
Lift sitzen vier Frauen und sehen mich grußlos und feindselig
an. Sie sitzen in den gleichen Stühlen, in denen sie schon
vor zwei Tagen saßen und ich frage mich, warum sie vor ihren
Zimmertüren in diesem zugigen Gang sitzen. Sie scheinen zu
warten. Auf wen? Eine der Frauen nickt mir zu, als ob sie mich wieder
erkennen würde. Ich versuche zu lächeln. Eine zweite Frau
im Rollstuhl fasst mich im Vorbeigehen am Ärmel und zieht mich
halb zu sich herunter. Warum kommst du so spät? Du kannst mich
doch hier nicht so lange warten lassen. Ihre Stimme klingt vorwurfsvoll.
Und zu den anderen Frauen: Ich habe es euch ja gesagt. Er wird kommen
und mich holen. Seht ihr! Ich habe es euch immer gesagt. Das ist
nicht ihre Sohn, Frau Ersmeyer, sagt ihre Nachbarin, ohne sie dabei
anzublicken Die Lifttür geht auf. Ich reiße mich gewaltvoller
los, als ich dies eigentlich wollte. Der Lift ist leer, und ich
bin froh, in die Kabine zu fliehen. Es dauert eine Ewigkeit bis
die Türen schließen. Ich spüre die starren Blicke
im Nacken, drehe mich aber nicht um. Im zweiten Stock ist der Gang
leer. Ich gehe an Aushängen vorbei, von denen ich nur Fetzen
auflese. Dann stehe ich vor der Tür. Klopfe. Warte einen Augenblick
und ohne eine Antwort abzuwarten, öffne ich die Tür. Sie
sitzt am Fenster in Decken gehüllt und sieht mich überrascht
an. Als ob sie eigentlich keinen Besuch mehr erwartet und schon
gar nicht mich. Ach du! Erstaunen in ihrer Stimme. Sie bittet mich
nicht herein, sondern zieht ihre Decke zurecht. Ich schließe
die Tür. Der Weg bis zu ihrer Liege ist länger, als ich
in Erinnerung hatte. Die Sätze, die ich mir zurecht gelegt
habe, passen nun nicht mehr. Ich frage mich, ob es eine gute Idee
war, unangemeldet zu kommen. Dinge liegen unaufgeräumt auf
dem Tisch. Ich weiß, diese Dinge würden nicht da liegen,
wenn ich vorher angerufen hätte. Sie wären weggeräumt
worden, in Schubladen gelegt. Nun fühle ich mich wie ein Eindringling,
als ich Platz schaffe auf dem Tisch, um meine Plastiktüte abzustellen.
Der erste Satz ist der schwerste.
Ich dachte, ich komme noch einmal vorbei. Ihr Blick deutet mir,
dass sie nicht versteht, warum ich noch einmal komme. Ich traue
mich nicht zu sagen, dass ich gekommen bin, um mehr zu erfahren.
Dass ich aus Neugierde zu ihr komme. Als Dieb. Dass ich einen Teil
ihrer Erinnerung stehlen will. Es ist wegen des Tees! Des Tees?
Ja, Sie haben... Sie unterbricht mich. Seit wann siezt du mich wieder?
Ich habe sie immer gesiezt. Ich kann mich nicht daran erinnern,
dass sie mir das Du angeboten hätte. Ich sage es ihr nicht.
Du hast gesagt, du vermisst den Tee. Ach, ich kann schon lange keinen
richtigen Tee mehr trinken. Ich schlafe doch so schlecht. Ich habe
auch keine Möglichkeit, nicht einmal eine Kanne. Und hier sind
sie so unfreundlich. Ich komme mir auf einmal wie ein dummer Junge
vor, der sich eine schöne Überraschung ausgedacht hat,
und nun lachen alle über seinen naiven Einfall, über seine
kindliche Torheit. Nimm ihn wieder mit! Ich kann ihn doch nicht
trinken. Hier. Alleine.
Ich nehme die Packung aus der Tüte. CEYLON – Galaboda,
Orange Pekoe, sage ich langsam. Sie ist verunsichert, verliert den
Faden ihrer Gegenargumente. Eine Tasse bloß. Ich werde Wasser
aufbrühen lassen. Ehe sie widersprechen kann, bin ich unterwegs
nach draußen. Übernehme die Initiative. Die kleine Küche
habe ich mir gemerkt. Die Pflegerin fällt auf meine Freundlichkeiten
herein und bietet an, das Wasser zu bringen. Mit zwei Tassen. Orange
Pekoe! Ich komme nicht dazu, ihr zu erklären. Sie trinkt nur
Kaffee. Ich gehe zurück ins Zimmer. Trete diesmal ein, ohne
zu klopfen. Ich will die Initiative behalten.
Ceylon? Ich nicke. Ich habe nicht einmal Plätzchen. Ich nehme
Butterkekse aus meiner Tüte. Und zwei neue Teeeier. Es klopft.
Die Pflegerin stellt das Tablett auf den Tisch. Sie hat eine Schüssel
mit Weihnachtsgebäck mitgebracht. Ich öffne die Packung,
fülle die Teeeier und hänge sie in die weißen robusten
Altenheimtassen. Das Wasser kocht leider nicht. Aber es ist brühend
warm. Ein brauner Nebel bildet sich im Wasser, als ich die Teeeier
übergieße. Der Duft erreicht sie, bevor ich ihr die Tasse
gebe. Vorsicht, sie ist sehr heiß. Sie fasst den Unterteller,
hält die Tasse an ihre Brust. Sie atmet den sich spiralförmig
windenden Dampf ein. Dann schließt sie die Augen. Wir warten
schweigend, bis der Tee etwas abgekühlt ist, und die Ruhe ist
uns nicht peinlich. Dann nimmt sie einen Schluck. Mein Gott! Es
ist so lange her. Dreiundsechzig Jahre, rechne ich schnell in meinem
Kopf. Ich werde bestimmt nicht schlafen können.
Und dann beginnt sie, die bei Festen immer schweigend und beobachtend
dasitzt, die als verschlossen und starrköpfig in der Familie
gilt, ihre Geschichte zu erzählen. Ihre einzige Geschichte.
Die, für die sich dieses Leben gelohnt hat. Die Geschichte,
die sie ihr Leben lang siebzehn Jahre alt sein lassen wird. Die
Geschichte, warum ich an diesem nasskalten Tag zwischen den Jahren
zu ihr gekommen bin. Sie erzählt langsam aber ohne Unterlass.
Und ich sitze ihr gegenüber und registriere jedes Wort, jede
Geste. Und ich werde Teil dieser Geschichte, während ich eine
zweite und später eine dritte Tasse Tee bereite, der nun zum
Schlüssel zu einer Erinnerung wird, die sie seit mehr als einem
halben Jahrhundert niemandem erzählt hat.
Auszug aus: „Tee“
Die Geschichte der Liese Schubiger, die 1937 als siebzehnjährigen
deutsches Mädchen ein Jahr als Austauschschülerin in
Südengland verbringt und dort den aus Indien stammenden Teeladengehilfen
Manoj Yadef kennen lernt. Beide verbindet eine innere Sehnsucht,
die sich in den Teesorten spiegelt, die Manoj Liese jede Woche
schenkt. Der Ausbruch des Krieges wird sie trennen, und Liese
wird nur ihre Erinnerung bleiben: an die Küste Südenglands,
den Geschmack des Tees und ihre erste und einzig wahre Liebe.
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Vorabdruck:
"kulturissimo", Juni
2003
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