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Raoul Biltgen
 

MAX GOLDT

Begab ich mich letztens am Abend, eine Woche mag es her sein, zu einer Lesung eines recht, wenn auch mir nicht perönlich bekannten Schriftstellenden, der sich mit seinen nicht leichten, teilweise überschwenglich überbordenden oder aber auch einfach nur wunderbar und präzise geführten Satzkonstruktionenen und seiner, sagen wir mal, unübertroffenen Gabe des genauen Beobachtens und Wiedergebens scheinbar völlig banaler doch mit größter Kunstfertigkeit zum Aussergewöhnlichen erhobenen Alltagssituationen, die einer gewissen Komik nicht entbehren, einen Namen gemacht hat. Dieser der Literatur gewidmete Abend fand in einer Lokalität statt, die im österreichischen Vorarlberg, was ich zur Zeit als meine Schaffensstätte bezeichnen darf, und der näheren Umgebung unter dem Namen „Spielboden“ durchaus ein Begriff für neues, ungewohntes, qualitativ wertvolles Kunstleben ist. Mit mir wohnten dieser Darbietung noch ein paar Arbeitskollegen, die ich, zum Teil, durchaus gerne als meine Freunde ansehe, bei. Doch, oh weh, die Luft in diesem Raum, den ich wegen seiner manigfaltigen Nutzungsmöglichkeiten für Theater, Musik, Events oder eben Veranstaltungen dieser Art sehr wohl sehr schätze, konnte ich nach einer allzu kurzen Zeitspanne, die durch den gekonnten Vortrag nur noch kürzer schien, nur mehr als äußerst trocken empfinden, zu trocken für meine ohnehin schon immer sehr trockenen Nasenschleimhäute. Es ist dies ein Problem, unter welchem ich seit Kindes Beinen an leide und für welches ich bisher in meinem Leben keine Lösung finden konnte. So muss ich tagaus, tagein mir ständig die Nase schneuzen, ob früh morgens oder des Nachts, ob sommers, winters, im Norden, im Süden, nichts, rein gar nichts scheint sich in irgend einer Weise darauf auszuwirken, weder positiv, was mir am liebsten wäre, noch negativ, was mir ja dann doch auch behilflich sein könnte, Hoffnung zu schöpfen, diesem Problem irgendwann einmal auf den Grund zu kommen. Aber nein. Einerseits wegen der sehr hohen rhetorischen Qualitäten des Vortragenden, andererseits wegen des großen Unterhaltungswertes, weiters wegen der Unhöflichkeit, die dies dem Lesenden wie auch den Zuhörenden gegenüber dargestellt hätte, unterdrückte ich den Drang, aufzustehen, hinaus zu gehen und mir die Nase zu schneuzen, denn dies wäre nötig gewesen, da ich kein Taschentuch bei mir trug, und so ließ ich meinen Unterkiefer ein wenig nach unten klappen, stützte mich mit dem rechten Ellenbogen auf mein Knie und konnte so mit der Hand unter die ohnedies völlig zuene Nase greifen, um den offenstehenden Mund abzudecken, da ein solcher doch einem recht dämlichen Gesichtsausdruck förderlich ist, und ich dies besonders unter kultivierten, literautinteressierten Menschen vermeiden wollte.

Dem Veranstalter sei’s gelobt, kündete der nun nicht mehr Lesende alsbald statt zu lesen die Pause an, welche ich nutzen wollte, um mir auf den Aborten der direkt an den Veranstaltungsraum angrenzenden Gasstätte ein Stück Papier zu organisieren, welches ich dann zweckentfremdet zu meiner atemtechnischen Erleichterung im Hinblick auf die folgende zweite Hälfte des Abends mir zu eigen zu machen gedachte. Die Frage drängte sich mir auf dem Weg dorthin auf, ob es wohl Papiertücher gleich am Eingang neben den Waschbecken geben würde, die ich aus den dafür vorgesehenen Behältnissen aus Metall ziehen könnte, statt mich in den sicherlich engen Raum zwängen zu müssen, der die Menschen dann von den Blicken anderer verstecken sollte, wenn sich diese gerade im Zuge des sich Entleerens befanden. Es gibt tatsächlich sehr oft Aborte, die nicht mit solchen Papiertücherspendern ausgestattet sind, stattdessen schmücken die Wände neben den Waschbecken seltsam anmutende Geräte, welche auf Knopfdruck oder durch einen verborgenen Mechanismus fast von alleine einen heißen Luftstrahl den ausgestreckten, nassen Händen entgegenströmen, um so die Trocknung der Haut herbeizuführen. Diese Geräte mag ich nicht, ich finde, meine Finger und Handflächen fühlen sich nach der Verwendung eines solchen zwar trocken aber auch unangenehm an, so dass sich in mir der Wunsch regt, meine Hände abermals zu waschen, was mich in einen Teufelskreis zwingen würde, dem zu entkommen es nur sehr schwer möglich wäre.

Zu meiner großen Erleichetrung erblickte ich gleich beim Eintreten in den mit 2 Waschbecken ausgestatteten Vorraum einen leicht eingedellten aber durchaus noch funktionstüchtig wirkenden Papiertücherspender. So zog ich eines dieser Tücher heraus, faltete es einmal in der Mitte und führte es zur Nase, um endlich dem anfälligen Schneuzen nachzukommen. Just in dem Moment, da ich Luft holte, durch den Mund, um sie mit Kraft durch die Nase in das davorgehaltene Tuch wieder auszustoßen, musste ich im Abfalleimer, der direkt unter dem Papiertücherspender stand, eine Spinne entdecken, welche sich mit ihren acht langen, dünnen, fast nadelartigen, hätten sie nicht etwas wie Gelenke, Beinen über benutzte Papiertücher hinweg nach oben bewegte. Dies fand ich zwar befremdlich, doch ich habe keine Angst vor Spinnen, finde sie allenfalls etwas ekelerregend. Zudem handelte es sich um ein kleines Exemplar, und die Entfernung, die zwischen ihr und mir lag, war derart, dass ich keine Gefahr sah, mit ihr in Berührung kommen zu müssen. Aber etwas anderes fiel mir auf, und zwar hatte man den Abfalleimer mit einem Müllsack ausgelegt, welcher aus schwarzem Plastik war. Die Farbe ist völlig unerheblich, das Material ließ mich einen Moment stocken. Ich überlegte kurz, und, tatsächlich, ich vergewisserte mich auch noch einmal durch einen raschen Blick an der Spinne vorbei in den Abfalleimer hinein, es lag nur Papier darin, was ja auch völlig logisch war, befand er sich doch unter dem Papiertücherspender im Vorraum eines Herrenabortes. Hier war es sehr wahrscheinlich, dass sich nur Papier im Abfall wiederfinden würde. Warum aber in einem Plastiksack? Dies schien mir völlig abwegig zu sein. Warum sollte man ausschließlich Papier in einem Plastiksack sammeln wollen? Es kam mir jedoch dann der Gedanke, dass es auch Menschen geben musste, die nicht, wie ich, die Mülltrennung als einen sehr wichtigen Beitrag zur Erhaltung der Umwelt in einem halbwegs gesunden Zustand ansahen und sich also einfach über diverse Bestimmungen hinwegsetzten, ohne auch nur daran zu denken, dass also das Papier in Plastik verpackt nur auf dem Restmüll landen konnte und somit mutwillig nicht wiederverwertbar gemacht wurde.

Nach einem kurzen Seufzer schneuzte ich dann doch und warf das Papiertuch in den Eimer, bedauerte es sogleich, wollte es herausfischen, um es woanders zu entsorgen, wo ich sicher sein konnte, dass es mit anderem Papier in eine Recyclinganlage kommen würde, dachte dann an die Spinne und ließ es bleiben, ja, ich muss gestehen, ich wollte nicht mit einem solchen Tier in Berührung kommen, nein, nicht einmal mit einem Stück Papier, welches mit einem solchen Tier in Berührung gekommen war. Ich atmete tief durch, was nun wieder möglich war, ging zum Waschbecken, ließ das Wasser kurz laufen, damit es auch wirklich kalt sei, hielt meine beiden Hände unter den Strahl, hob sie gegen mein Gesicht und wischte mit den nassen Händen über Stirn und Schläfen, dann über Kopf und Nacken und wieder nach vorne über mein Kinn. Diesmal nahm ich kein Papiertuch aus dem Spender, wollte ich doch weiteren unützen Müll vermeiden, und begab mich zur Tür.

Kaum hatte ich die Hand zur Klinke hin ausgestreckt, da überkam es mich wie kalter Schauer. Wie viele Männer hatten an dem heutigen Tage diese Türklinke schon die der Hand gehabt, und dies ohne vorher, so wie ich es immer tue, immer, nach dem Verrichten ihres Geschäftes das Waschbecken aufzusuchen, um sich die Hände zu waschen? Grauslich schien es mir, die noch feuchten Finger dorthin zu führen, grauslich, abstoßend, doch was sollte ich machen? Leider hatte ich meine Jacke im Zuschauerraum auf meinem Sitz gelassen und ich trug ein kurzärmeliges T-Shirt, so dass ich keine Ärmel hatte, die ich hätte über die Hand streifen können, um so die Türklinke niederzudrücken. Mit dem Knie war sie nicht zu erreichen, auch nicht mit dem Po, also entschied ich mich dafür, sie mit dem Ellenbogen zu betätigen, um die Tür dann, sobald sie sich einen Spalt weit geöffnet hätte, mit dem Fuß zur Gänze aufzustoßen. Meine Wahl fiel deshalb auf den Ellenbogen, weil ich sicher sein konnte, ihn während der nun folgenden Lesung kaum mit meinem Gesicht in direkten Kontakt kommen lassen zu müssen, was ja bei den Händen durchaus der Fall sein konnte.

Doch dann, und es kommt doch immer anders als man denkt, da öffnete sich die Tür von außen, behende sprang ich zur Seite, grüßte freundlich den mir entgegentretenden Menschen, stellte schnell meinen Fuß so auf, dass die Tür beim Zurückfallen dagegen schlagen musste und so offen blieb, und schlüpfte hinaus ins Freie der Gaststätte, erlöst.

Da der zweite Teil der Lesung um einiges kürzer war als der erste, hatte ich keine weiteren Probleme mit der Lufttrockenheit und konnte genießen, wie dieser recht, wenn auch mir nicht persönlich bekannte Schriftstellende seine Texte zum Besten gab und verlor keine weiteren Gedanken an Spinnen, Mülltrennung, mangelnde Hygiene oder sonstige verdrießliche Angelegenheiten des täglichen Lebens.


erstmals veröffentlicht in „Les Cahiers Luxembourgeois“ Nr. 5 2001



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