EINFÜHRUNG
Im 3. Jahrtausend harrt ein fünf Jahrhunderte zurückliegendes Geheimnis einer Klärung: Im Mittelpunkt meiner Untersuchung steht die Beziehung der Kaisertochter Margarethe vonÖsterreich zum Hofmaler Jean Perreal, der neben Kunstwerken auch ein anonymes dichterisches Werk hinterließ. Bedeutende Werke der Renaissance-Literatur wurden nämlich hinsichtlich ihrer Autorschaft falsch eingeschätzt. Eine neue Betrachtung führt zur Erkenntnis, daß sie Spiegel einer verborgenen Wirklichkeit sind, die uns die beiden historischen Persön-lichkeiten, ihr Schicksal und ihr Wirken vergegenwärtigen können. Das ist, kurz gesagt, meine These.
Mit dem lyrischen Dialog möchte ich diese Beziehung von verschiedenen Seiten aus beleuchten:
I. In einem ersten Kapitel wird ein Poesie-Büchlein als Holograph von Jean Perreal vorgestellt. Bild und Text erlauben Rückschlüsse auf seine Persönlichkeit und stellen ein seiner Herrin gewidmetes Andenken an ihn dar.
II. Im Mittelpunkt des zweiten Kapitels steht die Poesie-Sammlung der Margarethe von Österreich. Auch sie war Dichterin, und ihre Verse beziehen sich auf den Freund.
III. Im dritten Kapitel werden die Elegien der Suite de l’Adolescence Clementine als Nachklang einer fiktiven Korrespondenz zwischen unseren Protagonisten vorgestellt.
Meine These weist zwei Aspekte auf. Es geht darum, Jean Perreal im Spiegel seines Schaf-fens zu erblicken und den Kreis der Werke, für die er als Autor gilt, zu erweitern.
Hat sich jemand in der Kunst zum Ausdruck seiner Persönlichkeit durchgerungen, so muß es möglich sein, ihn und sein Werk zu identifizieren, und zwar mit der gleichen Sicherheit, wie man jemanden nach Aussehen, Gang, Stimme, Sprache oder Gebärden wiedererkennt. Jean Perreal war nicht nur der beste Vertreter der französische Porträtkunst in der Schaffenszeit zwischen Jean Fouquet und den Clouets, er hat auch als Dichter echte Seelengemälde realisiert: Der humanistischen Erkenntnis von der unverwechselbaren Individualität des Menschen entsprechend beweist er in allem Einzigartigkeit. Er scheint sich der Herausforderung gestellt zu haben, ein Werk zu schaffen, das trotz Anonymität, trotz tarnender Zuweisungen an andere, als das seinige erkennbar wird.
Das Gegenstück zu seinem poetischen Werk liegt in der Dichtkunst Margarethes von Öster-reich. Was sich in dieser Dichter-Korrespondenz offenbart, trägt dazu bei, Perreals Oeuvre zu begreifen. Über den sensationellen Aspekt der Erkenntnis einer historischen Beziehung hinaus, die hiermit ans Licht tritt, möge mein Beitrag bewirken, daß ihm und Margarethe in der Bewertung des Humanismus ein gebührender Platz eingeräumt wird.
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