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Romaine Berens (I)
 

Herkunft und Identität von Jean Perreal im Lichte der Renaissance-Literatur.


Jean Perreal: La Vierge et l'Enfant
approx. 1490-1500

 

EINFÜHRUNG zu Herkunft und Identität...


Jean Perreal, einer der bedeutendsten Maler und Dichter, die um 1500 gelebt und die Zeit der Renaissance und Reformation geprägt haben, darf nicht in Vergessenheit geraten. Im frankophonen Sprachraum wurde in kunsthisto­rischen Fachkreisen viel über ihn nachgeforscht, denn über kaum einen anderen Künstler aus soweit zurückliegenden Zeiten sind soviele Unter­lagen und zeitgenössische Hinweise erhalten: Dank seiner Funktion als Hofmaler der französischen Könige Charles VIII, Louis XII und Francois I er, sowie der Statthalterin der Niederlande, Margarethe von Österreich, verfügen wir über eine umfangreiche und längst erschlossene Dokumentation. In prak­tisch allen Monographien über die von Margarethe gestiftete Grabstätte von Brou bei Bourg‑en‑Bresse wird diskutiert, welcher Perreals Anteil bei der architektonischen Planung war. Da er Güter in Lyon besaß, dort bei der Gestaltung festlicher Empfänge, den sogenannten Entrées royales, mitwirkte oder gar Regie führte, den Lyoneser Künstlern zu Statuten verhalf und dem dortigen Humanistenkreis angehörte, wurde im Laufe der Zeit auch in Lyon eifrig nach ihm geforscht. Es versteht sich, daß jemand, der offiziell den Titel eines königlichen Hofmalers führte, seinen Platz in allen internationalen Künstlerbiographien findet. Da jedoch kein einziges Tafelbild in irgendeinem Museum seine Signatur trägt, ist er den Kunstinteressenten paradoxerweise völlig unbekannt.

Obwohl er bereits zu Lebzeiten zu den Poeten oder Rhetorikern gezählt wurde, blieb er in der Literaturgeschichte lange unerwähnt. Eigentlich wurde er als Dichter erst in unserem Jahrhundert neu entdeckt, und zwar 1913 durch Picots Veröffentlichung seiner gereimten Epistel, und vor allem 1943 durch einen Artikel von André Vernet, in dem er als Dichter und Alchimist vorgestellt wird. Sei es darauf zurückzuführen, daß die Philologen schlecht darüber unterrichtet waren, welche Debatten Jean Perreal bereits in kunsthistorischen Kreisen ausgelöst hatte, sei es, daß die Bezeichnung «Alchimist» ihn nun in eine Außenseiter­rolle verbannte, Vernets Beitrag fand keine große Beachtung.

Obgleich Zeitgenossen wie Jean Lemaire de Belges und Jacques Le Lieur sich als Perreals Lobredner erwiesen, und ungeachtet einer Vielfalt von während der letzten 150 Jahre veröffentlichten Studien, bleiben Persönlichkeit und Werk unseres Protagonisten von einer Aura des Geheimnisses umgeben. Die Herausforderung liegt im Versuch, noch nach einem halben Jahrtausend die Wahrheit über ihn herauszufinden und sein Werk, das bis auf einige Ausnahmen als verschollen gilt, zu rekonstruieren. Erweist er sich gar als der Konzeptor des Bedeutendsten, was der Humanismus hervorgebracht hat, so lohnt sich die Mühe meiner Nachforschung gewiß.

Der vorliegende Band befaßt sich weniger mit der Geschichte der Kunst, als mit Literatur. Da eine Rezension über die bisher erschienenen wissen­schaftlichen Beiträge über Perreal, über die Grabstätte von Brou, als deren Architekt er gilt, über den 'Meister von Moulins', mit dem er identifiziert wurde, einen ganzen Band füllen würde, muß hier darauf verzichtet werden. Mein Literaturverzeichnis liefert eine Übersicht über die wichtigsten ihn betreffenden Veröffentlichungen, eine beigefügte Chronologie hält zudem die wesentlichen Fakten fest.

 

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