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André Antony (I)
 

Das Weihnachtsgeschenk der Anna Palowska
Erzählung


Leseprobe:

Heiligabend. Friede den Menschen auf Erden, die eines guten Willens sind!

Hungrig und durchgefroren geht Anna langsam auf das erste Haus zu, als sie leisen Gesang hört. Weihnachtslieder! Sie stapft durch den Schnee und sieht zum Fenster hinein.

Drinnen, vor dem Kamin, in dem helle, warme Flammen lodern, ist ein Weihnachtsbaum aufgebaut, unter dem eine Menge Geschenke ausgebreitet ist. Rundherum sitzt die Familie. Andächtig singt sie ihre Lieder von Liebe und der Hoffnung auf Frieden. Anna drückt sich die Nase platt an der kalten Scheibe. Ihr Hauch gefriert sofort, wenn er auf das kalte Glas trifft.

So hat sie auch immer mit Mutti am Baum gesessen. Und jetzt ist die Mutti tot und hat sie ganz allein gelassen.

Plötzlich bricht der Gesang ab. Ein kleiner Junge, der ihr gegenüber sitzt, hat Anna am Fenster bemerkt. Aufgeregt zeigt er mit dem Finger auf das Gesicht am Fenster. Die ganze Familie wendet den Kopf hin zu ihr. Alle starren sie an, bis plötzlich der Vater, ein grosser, furchterregender Mann mit rotem Gesicht, aufspringt und zum Fenster eilt.

Zornig reißt er den Flügel auf. Erschreckt weicht das arme Kind zurück, als der Wütende es anschreit:

"Verdammtes Pack! Verschwinde! Anständige Leute am Weihnachtsabend so zu erschrecken. Verschwinde, oder ich werde dir Beine machen."

Völlig eingeschüchtert wendet sich das Mädchen traurig um und geht still zum Garten hinaus, verfolgt von der schimpfenden Stimme, die erst verstummt, als das Fenster mit einem lauten Knall geschlossen wird.

Unschlüssig steht Anna einen Augenblick auf der Straße. Ihr ist kalt. Ein unwiderstehlicher Husten überfällt sie plötzlich und schüttelt den schmächtigen Körper durch. Sie schnappt nach Luft. Anna fühlt, wie es ihr siedendheiß in den Kopf steigt. Als der Husten endlich nachlässt, wendet sie sich um und schleicht weiter durch das Dorf. Immer wieder wird sie von Hustenanfällen durchgeschüttelt; doch sie traut sich nicht mehr, irgendwo anzuklopfen. Ängstlich geht sie weiter, sehnsüchtig zu den erleuchteten Fenstern hinüberschauend; doch sie wagt sich nicht mehr nahe heran - und niemand sieht das kleine Kind.

Prämiert von "nos cahiers"

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© André Antony & LSV, 2001